Kultur : Schluss ohne Wiederkehr

von

Gibt es etwas Schlimmeres, als lebendig begraben zu werden? Ja, weiß Honoré de Balzac: schwer verletzt in einem Massengrab aufzuwachen, sich durch starre Leiber ans Tageslicht zu wühlen, monatelang zu agonieren und schließlich, halbwegs genesen, ausgelacht zu werden, sobald man seinen Namen nennt. 1832 veröffentlichte der Franzose seine Novelle über einen Offizier Napoleons, der erst den entscheidenden Angriff zum Sieg bei Eylau reitet und dann – nach Kampf und Sturz – von nachlässigen Ärzten für tot erklärt wird. Zehn Jahre lang schlägt er sich als Bettler durch, wird als Irrer eingesperrt, bis er es zurück nach Paris schafft. Doch seine Frau hat inzwischen eine bessere Partie gemacht und verleugnet den Spätheimkehrer als Betrüger.

1911 hat Hermann Wolfgang von Waltershausen aus der grausamen Geschichte eine Oper gemacht, die bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs ein Sensationserfolg auf deutschen Bühnen war und auch in der Weimarer Republik wieder viel gespielt wurde, bevor Schöpfer und Werk dem Vergessen anheimfielen. Zum Abschluss der Reihe mit Musiktheater-Ausgrabungen an der Deutschen Oper ist Chefdramaturg K. W. Meyer ein letztes Mal in die Archive gestiegen, hat das Unterste zuoberst gekehrt – und diesen „Chabert“ hervorgeholt.

Die schlechten Erfahrungen mit den früheren Raritäten an der Bismarckstraße, ein Komponist, von dessen Existenz nicht einmal opernaffine Musikwissenschaftler je gehört hatten, eine literarische Vorlage, die sich absolut nicht als Bühnenstoff anbietet – die Erwartungen bei der Premiere am Freitag hätten geringer nicht sein können. Zumal aus finanziellen Zwängen der Plan einer Inszenierung durch den Filmregisseur Atom Egoyan aufgegeben und das ehrgeizige Projekt auf zwei konzertante Aufführungen zusammengestrichen worden war. Umso größer die Überraschung, ja die Freude, auf eine wirkliche Trouvaille zu stoßen. Ein starkes Stück Musiktheater, das es absolut verdient hat, dem Vergessen entrissen zu werden.

Bedenkt man, dass zeitgleich mit dem „Oberst Chabert“ Strauss „Rosenkavalier“ und Strawinskys „Petruschka“ uraufgeführt worden sind, steht Hermann Wolfgang von Waltershausen natürlich als Unzeitgemäßer da. Denn seine Ästhetik leitet sich deutlich von Richard Wagner ab, und zwar nicht von Avantgardewerken wie „Tristan“ oder „Parsifal“, sondern vom klangsatten, prachtvollen Stil der „Götterdämmerung“. Muskulöse, männliche Musik ist das, mit blühendem, auch mal blechgepanzertem Tuttiklang, der aber nie lärmig wird, mit handwerklich tadellos gearbeiteten Parlandopassagen, bei denen man jede Textzeile versteht.

Hörner schallen, Violinen singen, das Zusammenspiel der Holzbläser ist meist dunkel gefärbt, über schäumender Streichergischt blitzen Trompeten auf – ein angenehmer Kontrast zum übernervösen, morbiden Orchestersound, der damals in Mode war. Erstaunlich auch, wie geschickt sich der Komponist als sein eigener Textdichter Balzacs Novelle aneignet, nur den Grundkonflikt übernimmt, Szenen frei erfindet und Charaktere umdeutet, um das Werk dann nach eindreiviertel Stunden mit einem Doppelselbstmord effektvoll zu Ende zu bringen.

Jacques Lacombe hat den Abend fest im Griff. Das Orchester kommt mit dem vertrauten wagnerschen Idiom vortrefflich zurecht, und die Protagonisten agieren, so gut es geht, wenn man dabei einen Klavierauszug in der Hand hält: Bo Skovhus zeigt Charakterstärke als Chabert, Raymond Very gibt seinen liebestollen Gegenspieler. Zwischen beiden steht – mit brünnhildenhaften Sopranschärfen – Manuel Uhl. Simon Pauly ist ein guttenbergglatter Anwalt, Stephen Bronk rührt als treuer Godeschal. Was Bühnenbildner Bernd Damovsky dazu auf einem Hintergrundprospekt anbietet, ist weit mehr als eine Notlösung: Dank raffinierter Überblendungstechnik entsteht aus Schwarz-Weiß-Fotos und live übertragenen Großaufnahmen der Sänger eine atmosphärisch dichte, zusätzliche Erzählebene. Wer sich die zweite (und letzte!) Aufführung am heutigen Sonntag entgehen lässt, ist also selber schuld!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben