Schluss unserer Serie um die Quote : Vorspielen hinterm Vorhang

Nie war eine Musikerinnengeneration besser ausgebildet. Die Zukunft der Orchester gehört den Frauen – ganz ohne Quote.

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Blech im Griff. Hornistinnen des Orkester Norden bei Young Euro Classic, 2011 im Konzerthaus.
Blech im Griff. Hornistinnen des Orkester Norden bei Young Euro Classic, 2011 im Konzerthaus.Foto: Kai Bienert

Wissenschaftler der Universitäten Harvard und Princeton fanden heraus, wie sich ein strikt geschlechtsneutrales Probespiel auf die Chancen weiblicher Bewerber um Orchesterstellen auswirkt. Ihr Ergebnis: In der ersten Runde erhöht sich die Erfolgsquote um 50 Prozent, wenn ihre künftigen Kollegen nicht wissen, wer da spielt. In der Finalrunde obsiegen gar 300 Prozent mehr Frauen, wenn sie hinter dem Vorhang musizieren. Wendet man die Ergebnisse der amerikanischen Gleichstellungsforscher konsequent auf Probespiele vor hiesigen Orchestern an, bräuchte es keine Frauenquote. Zumindest solange es Orchestergruppen gibt, in denen die männliche Vormachtstellung ungebrochen ist – also überwiegend oder ausschließlich Männer über eine neue Kollegin befinden – könnte das blinde Hören hilfreich sein. In der Praxis wird der Vorhang nach der Vorrunde beiseite geschoben.

Dann kann es zum Schock kommen, wie bei den Münchner Philharmonikern anno 1980. Sie hatten wohl gedacht, hinter dem Namen Abbie Conant stecke ein Mann. 12 Jahre lang sah sich die amerikanische Posaunistin gezwungen, obwohl auf eine Solostelle engagiert, gegen Benachteiligungen und Demütigungen zu prozessieren. Der mythisch verehrte Maestro Celibidache gab den Ton an: „Spielt nicht wie ein Damenorchester“, pflegte er seine Musiker zu rüffeln. Als Conant sich in allen Instanzen durchgesetzt hatte, verließ sie München, um Professorin zu werden. Deutsche Orchester, sagt die Posaunistin, hätten sie zur Feministin gemacht.

Mischt man sich sommers unter das enthusiastische Publikum von Young Euro Classic im Konzerthaus, bekommt man mittlerweile einen völlig anderen Eindruck. Ob Dänemark, Kanada oder Südkorea: Junge Musikerinnen spielen in der Mehrheit, auch an Pulten, wo sie sonst selten zu finden waren. Das spiegelt die Situation an den Musikhochschulen wieder, wo der Anteil von Studentinnen in Deutschland auf die 60-Prozent-Marke zustrebt. Auch Schlagzeugerinnen und Blechbläserinnen sind dort eingeschrieben, glänzen in Jugendorchestern – und harren ihrer Chance auf einen festen Platz in der weltweit einmalig vielfältigen deutschen Orchesterlandschaft.

Dort scheint für Frauen vieles besser zu sein als auf dem restlichen Arbeitsmarkt. Im Prinzip gibt es gleiches Geld für gleiche Arbeit. Aber! Die Orchestertarife unterscheiden nach der Größe des Orchesters: Je mehr Prestige ein Orchester hat, desto mehr Orchesterstellen kann es auf sich vereinen. Top-Orchester gönnen sich eigene Tarifverträge, um für die besten Musiker auch finanziell attraktiv zu sein. Keiner dieser Verträge benachteiligt Frauen – und doch verdienen Musikerinnen oft weniger. Bei Hochverdienern wie den Berliner Philharmonikern sind gegenwärtig nur 19 Prozent Frauen unter Vertrag, beim Philharmonischen Orchester Hagen dagegen knapp 50 Prozent.

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