Kultur : Schlußwort der Illusionen

CHRISTOPH FUNKE

Dem Referenten beim Gießener Hofgericht war der Schreck in die Glieder gefahren: Georg Büchners Pamphlet "Der Hessische Landbote" bezeichnete er als eine "hochverräterische, unzweifelhaft revolutionäre Flugschrift"; in einem "ganz besonders rücksichtslosen und gemeinen Ton" verfaßt, erscheine sie "als das Produkt des frechsten, zügellosesten Republikanismus".Büchner und sein Mitautor, der Lehrer und Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig, hatten 1834 die Steuerstatistik des Großherzogtums Hessen und die Bibel zur Grundlage eines Aufrufs an die Armen gemacht, sich der gnadenlosen Unterdrückung durch die ohne jedes moralische Recht Herrschenden bewußt zu werden.Aber sie zielten über die Zustände in Hessen hinaus, mit der Forderung: "Das ganze deutsche Volk muß sich die Freiheit erringen." Als auf die Veröffentlichung des "Landboten" beispiellose Verfolgung einsetzte und der Verrat auch unter Freunden giftige Blüten trieb, verfaßte Büchner das Revolutionsdrama "Dantons Tod" als Schlußwort auf alle verlorenen Illusionen.

Das böse Funktionieren Käthe Reichels szenische Lesung aus dem "Hessischen Landboten" im Berliner Ensemble weist auf diesen Zusammenhang zwischen der Flugschrift und dem Drama hin.Sie bildet eine gewichtige Pause in der mehrwöchigen Aufführungsserie von "Dantons Tod", inszeniert durch Robert Wilson.Leise, staunend fast, beginnt Käthe Reichel, sich dem Text zu nähern, wie eine Bäuerin, die dem Gedruckten zum ersten Mal begegnet, zu verstehen versucht.Dann bricht sich auch Pathos Bahn, bei der Anklage der Mächtigen, und aus dem ruhigen Vortrag wird ein klingendes, hallendes Rufen, die Arme fliegen in die Luft.Die Lesung, eingerichtet von Holger Teschke und Grischa Meyer, bevorzugt aus dem "Landboten"-Text die polemische, griffige Argumentation Büchners über die Steuerlasten der hessischen Untertanen, drängt dafür die Argumentation mit Zitaten aus der Bibel, für die eher Pfarrer Weidig die Verantwortung trägt, zurück.Immer wieder bringt Käthe Reichel Staunen ins Spiel: über das böse Funktionieren eines Staatswesens, das die menschliche Würde zerstört.Im Zahlendschungel Aber der Ehrgeiz der knapp einstündigen Lesung geht weiter.Auf fünf Bildschirmen, hoch über der Lesenden auf der Vorbühne angebracht, kommt Gegenwärtiges ins Spiel.Statistiken über die Lage von Familien im wiedervereinten Deutschland, über verdeckte Armut, über den konfliktreichen Stellenwert von Sozialhilfe werden verlesen.Zeichenhafte Bilder: Der Vergleich des Unvergleichbaren wird angestellt, eine Ungleichzeitigkeit hergestellt, die der Assoziationsfähigkeit der Zuschauer, der Zuhörer offensichtlich nicht traut.Die Zahlen ermüden auf Dauer, die Informationen in hölzernem Bürokratendeutsch reiben sich schmerzhaft an Büchners leidenschaftlicher Diktion.Auch die Vortragende scheint im Zahlendschungel zu versinken, hat Mühe, in die Kraft der Anklage zurückzufinden.Es ist zu viel versucht worden in dieser nachdenklichen Stunde, Büchner hat eine so demonstrative Vergegenwärtigung nicht nötig."Neues" Zahlenmaterial sinnlich zu machen, gelingt trotz der fünf Bildschirme nicht.Für Käthe Reichel dennoch zu Recht freundlicher Beifall.

Wieder am 22., 27.und 28.10., 19 Uhr 30.

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