Kultur : Schmach und Schmäh

Das Unglück preisen: die Feuilletons des Wieners Franz Schuh

Gabriele Killert

Man sollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Franz Schuh ist der geborene Wiener, er ist Schriftsteller und Träger des ... Sachte, sachte, nicht immer gleich diese groben Identitätsaussagen, die den Autor nur wieder bestärken in seinem Urteil: „Es ist mein Schicksal, ich bin nie verstanden worden“. Wir wollen erst ein bisschen die Stimmung anheizen mit ein paar schönen Schlüsselsätzen aus dem neuen Buch „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ des geborenen Wiener Schriftstellers und Staatspreisträgers für Kulturpublizistik: „So ein wesenloser Raum, und ausgerechnet ich das einzige Wesen darin.“ (Schuh einsam in einem polizeibüromöbelgelben Hotelzimmer). Oder: „So wie ich jetzt dastehe, ist es typisch, dass mich Menschen bedienen, die ich über mir empfinde.“ (Über Kellner und andere Autoritäten, „die einem gerne dabei helfen, jene Probleme zu lösen, die man ohne sie nicht hätte“.) Wir könnten uns ewig so weiter dem Eros der Schuh’schen Einfälle überlassen: „eines Tages muss man trinken, schon allein, weil das Trinken der letzte Ausweg bleibt, der zu dem Glauben führt, damit noch aufhören zu können.“

Bei solchen Sätzen, geistreichen Satz- Geschmeiden wird viel Dopamin ausgeschüttet – als Dividende langer Tage wiedergekäuter Leere und mäeutischer Langeweile. Plötzlich, man hat schon nicht mehr damit gerechnet, ist so ein funkelnder Einfall da wie der Dschinn aus der Flasche. Und obwohl man mit allen Ganglien daran gearbeitet hat, ist es ist immer wieder ein Wunder, wie sich der schwer erträgliche Esprit der Wirklichkeit so volatil in Erheiterungsgegenstände verkehrt. Für einen geborenen Wiener Schriftsteller kann es nichts Beglückenderes geben, als die schöne Verkehrtheit, mit Beschwerden zu unterhalten. Dafür lebt der Wiener Schriftsteller, davon lebt das Wiener Caféhaus, das Wiener Theater, davon lebt Wien.

Es wird einem aber auch nichts geschenkt. Man muss sein Unglück preisen wie Hiob. Die Transsubstantiation der Schmach in den erlösenden Schmäh des Feuilletons, der Komödie, verlangt, dass man sich dem Leben aussetzt. Franz Schuh nimmt dies seit Jahr und Tag auf sich. „Der Sieg besteht nur aus Schlägen“ – diese Einsicht verdankte Bohumil Hrabal seinem Onkel Pepin. Schuh verdankt sie zum Beispiel Ernst Jandl, dessen „Letzte Gedichte“ er gerade spazieren führt, als sich mitten in Wien Polizisten auf ihn stürzen – „Nein, nein, nicht das Taschenbuch!“ kann er gerade noch ausrufen. Doch man behandelt ihn wie einen Schwerverbrecher, mit dem man ihn verwechselt hat.

„Für eine ordentliche Qual“ gibt er sich gerne hin. Und tatsächlich widerfahren ihm Beleidigungen, Niederlagen aller Art auch mühelos. Wo er auftaucht, aus einer Gasse oder aus frei flottierenden Gedanken etwa über das „merkwürdige Verhältnis von Erbaulichkeit und Zerstörung“ im Reich der Zwecke oder das „lyrische Thema“ der Fresssucht, pflanzen sich ihm dämonengesichtige Widersacher in den Weg, die, so sie Wiener sind, alle „eine einzige Grimasse“ haben, „nämlich meine“, und ihren ganz speziellen Humor an ihm erproben. Und wenn ein Betrunkener in der Bahnhofshalle ihn anrempelt und ihm „in de Goschn“ hauen will, dann sieht er in dem Gaunergesicht den Komplizen seines eigenen Abscheus und fühlt sich, der gar nicht Gemeinte, erkannt und solidarisch mit diesem „Bund Hadern“, diesem exemplarischen Fremden, der auch nur „ein Leben führen muss, gegen das er sich nicht wehren kann“ (Schuh über Simenons Figuren) – und sagt: „Verzeihen Sie“ oder wie der Kaiser im Weißen Rössl „Danke schön. Es hat mich sehr gefreut.“

Franz Schuh ist also alles andere als ein rasender Reporter. Er versieht das Amt des denkenden (Selbst)Beobachters. Halbe Tage kann er „müßig in einem Gastgarten“ sitzen im Gnadenstand des „kreativen Dösens“. Der Lärm von Mietern, „die seit eh und je durch die Angst gepeinigt sein dürften, überhört zu werden“, das Klappern von Hausrat und die Gesprächsfetzen der Gäste im Hof, die sich „glücklich zu nichts“ fügen – bilden das ideale Betriebsklima für lyrische Intermezzi: „Montags lebe ich still / Dienstags muss ich still leben / Mittwochs bin ich still /Donnerstags bin ich auch still ...“ und so fort. Aber auch für die Arbeit an seinem Lebensprojekt: „dem (N)Irgendwo, in dem ich lebe, Ausdruck zu verleihen“. Wo sonst könnte ein „140-Kilo-Mann“ mit dem ästhetischen Sensorium einer Prinzessin auf der Erbse auch heimisch sein als im Nirgendwo, dem Unort des Paradox, zweideutig wie der Tod. Die Erlösung, die er verspricht, müsste man zu Lebzeiten genießen können, „ist man nämlich einmal wirklich tot, dann hat man nichts mehr davon, dass man nicht mehr lebt.“ Immer wieder treibt die Ideenflucht den flanierenden Sitzriesen in die endlosen Paralogien des Zweideutigen, ins Humor-Zwielichtige, auf der Suche nach einer aufmunternden Resignation, nach dem Verschmelzungspunkt von Pathos und Ironie, dieser einzig wahren Pointe, die kein Witzbold findet.

Schuh lebt sein Schreiben. Anwandlungen von Bosheit, Ressentiments, Melancholie – er hat das, aber es wird alles verbraucht und verbrannt als Kraftstoff seiner geistigen Energie. Man liest diese Feuilletons sehr gern, nicht nur wegen der aphoristischen Spitzen. Aber Sätze wie: „Es gelang ihm, das Resignative seiner Arroganz nicht zu bemerken“ oder „Raunzen ist immer eine Antwort auf eine Ohnmacht, und sei es eine angemaßte“ machen einfach glücklich.

Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Zsolnay, Wien 2006. 416 S., 24,90 €. – Der Autor stellt sein Buch heute abend um 20 Uhr im Gespräch mit Sigrid Löffler im Berliner Literaturhaus vor.

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