Kultur : Schmeiß alles zusammen!

KATRIN BETTINA MÜLLER

Kunst, Kostüme und Kalligraphie aus Korea im Berliner Haus der Kulturen der WeltVON KATRIN BETTINA MÜLLERDas Ganze ergibt mehr als die Summe seiner Teile: Wenn das Haus der Kulturen der Welt gleich drei Ausstellungen aus Korea zeigt - Kunst der Gegenwart, Fashion Art und Kalligraphie -, dann relativieren sich die Begriffe von autonomer und angewandter Kunst, von meditativer Tradition und elektronischer Moderne schnell.Was in unserer Vorstellung und Geschichte auseinanderklafft, überwinden die koreanischen Künstler gleich auf mehreren Ebenen. "Die koreanische Kunst muß weder Modernität beweisen noch das Andere hervorheben", betont Sabine Vogel vom Haus der Kulturen."Wenn unsere Begriffe nicht mehr passen, dann deshalb, weil uns diese Kultur überholt hat." Daß High-Tech und eine über Jahrhunderte erworbene Spiritualität nicht wie im westlichen Schockerlebnis der Moderne gegeneinander ausgespielt wurden, sondern simultan weiter existieren, macht für den hiesigen Betrachter die Faszination koreanischer Kunst aus. "Schmeiß alles zusammen und füge etwas hinzu." Dieses Rezept für einen Reistopf hat Kang Ig-Joong als Motto seiner Kunst adaptiert.Auf langen U-Bahnfahrten begann er auf handtellergroßen Leinwänden zu arbeiten, die sich zu immer neuen Feldern zusammenfügen lassen.In "Buddha lernt Englisch" sind sie mit den Sprachübungen seiner ersten Zeit in New York beklebt: Als Tagebuch seiner Ankunft in der Fremde bezeugen sie nicht nur überwundene Sprachbarrieren, sondern auch die Entdeckung eines eigenen Rhythmus, kleinteilig und flexibel. Als offene Struktur hat auch Lee Hyung-Woo seine Terrakotta-Formen aufgebaut: Im Raster von Gefäßen und Bausteinen findet sich eine ritualisierte Alltagskultur, die in der traditionellen Keramik ihren gegenständlichen Ausdruck hat - ähnlich technischen Modulen des Elektronikzeitalters.Für diesen versöhnenden Bogen aus der Gegenwart in die Vergangenheit haben die koreanischen Künstler viele Möglichkeiten entdeckt.Bae Joon-Sung etwa übermalt große Aktfotos mit Kostümen nach Bildern von Courbet oder Ingres, und Kim Young-Jin läßt Filmbilder im Strom von Flüssigkeiten schwimmen.Eine Projektion vergrößert das einfache Schauspiel aus Rinnsalen und Tropfen, die Fetzen des Früheren durcheinander wirbeln. Auch Yoo Young-Ho dringt in seiner Skulptur "Haus-Mensch" unmittelbar zu den Gefühlen vor, die historische Veränderungen und die Angst vor Verlust auslösen.In den Konturen einer Figur hat er aus Resten von Zement, Eisen und Holz ein verfallenes Dorf dicht aneinandergeschmiegter Hütten gebaut.Ein wenig von Nostalgie verklärt ist der Blick schon, den er auf Armut und die notgedrungene Nähe, Wärme und Einfachheit zurückwirft. "Vor dreißig Jahren lebten die meisten Koreaner noch in traditionellen Häusern, heute wohnen 65 Prozent in Hochhäusern", beschreibt Chung Junmo, Kurator für die Gegenwartskunst, die Entwicklung der Städte.Für ihn ist das Schlüsselwort zur Kunst "Mixed Media".Er meint damit die Verknüpfung von Schrift, Fotografie, Skulptur und Maschinen ebenso wie die thematische Verschränkung von Kunst, Politik und Wirtschaft. Seine Behauptung, daß man "alles, was in den letzten hundert Jahren in der Kunst passiert ist, in dieser Ausstellung wiederfindet", bewahrheitet sich auch in den Modellen der "Fashion Art", entworfen von dreißig Professoren und sechs Designern.Mit Federn, Spiegeln, Spitzen, mit zarten Drahtgespinsten und Fetzen Seidenpapier, mit dicken Plüschtierpackungen und Mustern der Op-art changieren sie zwischen Fin de Siècle, Dekadenz und punkiger Zerrissenheit, zwischen Trash und kunstgewerblichem Pop.Besonders ein schmales Kleid, das Kim Jung-Hu "Für eine unschuldige Seele" mit nach außen starrenden Stecknadel-Bündeln besetzt hat, ist unmißverständlich.Doch wenn man die skulpturalen Hüllen, wie Bae Chun-Bum sie aus Seoul mitgebracht hat, auch als Modelle für die Transformation des körperlichen Empfindens verstehen will, gehen die meisten doch von einer erstaunlich konventionellen Leiblichkeit aus: Sie sind fast alle auf den starren Torso einer Kleiderpuppe mit Idealmaßen montiert. Mehr von der Verwandlung körperlicher Energie in bildhafte Zeichen erzählt erstaunlicherweise die Kalligraphie.Sie rahmt die Kostümausstellung und antwortet auf deren Silhouetten mit einer Abgrenzung aus Stoff.In einer großen, wirbelnden Figur hat Le Xinglong (China) eine Chiffre aufgelöst.Bei Watanabe Rei (Japan) scheinen die blaßgrauen Zeichen für "Wind.Licht.Stern." selbst nur noch Schatten ihrer früheren Präsenz zu sein, wie fortgeblasen von der Kraft dessen, was sie bezeichnen.Ähnlich wie im Informel und im action-painting schlagen sich in der Kalligraphie Konzentration, Präsenz und spontane Entäußerung nieder.Besorgt fragt sich da Lee Dong-Kook, Kurator der Schriftkunst, ob man in Europa wenigstens ihre Schönheit genießen könne, wenn man weder die Zeichen versteht noch ihre jahrhundertelange Geschichte kennt.Man kann.Der Anachronismus, daß im Computerzeitalter an der subjektiven Interpretation jedes Schriftzeichens festgehalten wird, entwickelt eine auch abstrakt erfahrbare Expressivität. Größeres Befremden als die Werke selbst lösen Informationen über das Zustandekommen der Ausstellung aus.An der Auswahl der Zeichnungen, von denen Lee Dong-Kook in Berlin nur einen schmalen Ausschnitt zeigen kann, waren jeweils dreißig Experten aus China und Japan sowie ganze Kalligraphen-Verbände in Korea beteiligt.Ein Wunder, daß bei soviel Bürokratie die Kreativität überhaupt überleben kann. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 14.Juni; täglich 11-18 Uhr.

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