Kultur : Schmelztiegel der Heiligkeit

Rasanter Parcours: Simon Sebag Montefiore stellt Jerusalem ins Zentrum der Weltgeschichte.

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Der Wahn, den dieser spezielle Ort bei labilen Verehrern produziert, führt dazu, dass sie sich mit einer Person der Bibel identifizieren. Touristenführer sollen auf Fremde achten, die erregt wirken und sich absondern, Reinigungszwängen folgen, eine Toga aus Hotelbettwäsche anfertigen, Bibelverse schreien oder an heiliger Stätte predigen. Auch David Rohan, ein australischer Christ, der zur Beschleunigung der Wiederkehr Jesu am 21. August 1969 die Al- Aksa-Moschee anzündete, litt am Jerusalem-Syndrom. In seinem Fall beschränkte sich der materielle Schaden auf eine kostbare Kanzel, die Sultan Saladin hatte einbauen lassen, der große Eroberer und Förderer der Stadt. Jerusalem weckt Engagement, Leidenschaften, Sehnsüchte, Obsessionen. Und bietet enttäuschende Realitäten und magische Erlebnisse für seine Liebhaber.

Simon Sebag Montefiores Biografie der Unvergleichlichen ist aber auch lesbar für Jerusalem-Muffel, die das Szenario der verzankten Frommen als bedrückend empfinden. Seinen Epochentrip der Gleichzeitigkeiten hat er streng chronologisch aufgebaut; andererseits als Synopse biblischer, kulturhistorischer und archäologischer Quellen über Jahrtausende miteinander verschränkt. Der britische Historiker collagiert Fakten des irdischen und Projektionen eines jenseitigen Jerusalem manchmal so ironisch, dass offenbleibt, welcher Perspektive oder Streitfraktion die Sympathie des Autors gehört. „Sobald eine Seite aufhört, sich zu beschweren, werden Sie entlassen“, hatte der englische Premier Lloyd George einem Gouverneur mit auf den Weg in die Stadt der Kampfhähne gegeben. Daran hält sich, ohne seine persönliche Liebe zum Sujet zu verbergen, auch Sebag Montefiore (der von einem frühzionistischen Philanthropen des 19. Jahrhunderts abstammt). Auf seinen rasanten Geschichtsparcours muss man sich einlassen, etwas Allgemeinbildung hilft dabei: um im Wust (un)bekannter Dynastien, Zahlen und Schlachten orientierende Déjà-vus zu bekommen. Irgendwann möchte man dem Drama, der Farce, der Tragödie, dem Mysterienspiel dieses global vernetzten Plots nicht mehr entrinnen.

Einen zentralen Focus auf Jerusalems „Persönlichkeit“ bietet die Abfolge von Eroberungen durch Juden, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer, Mameluken, Kreuzritter, Araber, Osmanen, Briten. Der Untergang wird zum Leitmotiv. Die Breitwandschilderung der Katastrophe von 70 n. Chr., als Roms General Titus die Stadt stürmen und den dritten Tempel niederreißen ließ, gibt den Horrorprolog und Grundakkord des Buches vor. Bis zu einer Million Menschen verhungerten damals, wurden getötet, versklavt. So entstand eine Vorstellung vom Jüngsten Gericht, das mit der babylonischen Schleifung des salomonischen Tempels durch Nebukadnezar (587 v. Chr.) bereits angebrochen war. Die Juden seien abgestraft, als Offenbarungsträger abgelöst – so interpretierten später Christen und Muslime das Inferno. Seitdem gilt Jerusalem für die Propheten dreier Religionen als Schauplatz eines apokalyptischen Showdown.

„Je heiliger die Stadt wurde, um so mehr spaltete sie sich“, pointiert Sebag Montefiore. Nichts mache eine Stätte heiliger „als die Konkurrenz mit einer anderen Religion“. Der zweite rote Erzählfaden bedient den Mythos, dass Himmel, Erde und Hölle sich an einem Punkt berühren. Nur warum soll ein levantinisches Kaff, das bisweilen 2000 Einwohner zählte und heute kaum 800 000, diesen Nabel des Universums abgeben? Hier war Adams Grab und der Altar Abrahams, Davids Burg Zion und Salomos Tempel mit dem Allerheiligsten. Hier starb Jesus und erstand von den Toten auf, hier begann die Mission seiner Jünger. Hier startete Mohammeds Himmelfahrt, nachdem dieser sein Pferd an der Klagemauer (die den Tempelberg-Hütern oft schon abgekauft werden sollte) angebunden hatte. Auf Tempelterrain entstand der Felsendom, den die Kreuzritter, während sie durch Blutbäche ihres Massakers ritten, für Salomos Tempel hielten. Der Bedeutungstransfer, mit dem Gläubige die konkurrierenden Traditionen überschreiben, zeigt – wie berüchtigte Prügeleien in der Grabeskirche – ein machtfixiertes Zerrbild von Frömmigkeit. 70 jüdische, 17 muslimische Namen gibt es für Jerusalem, das 1000 Jahre von Juden, 400 Jahre von Christen, 1300 Jahre von Muslimen regiert wurde. Die Stadt sei „für uns ein Gegenstand des Glaubens, auf den wir nicht verzichten könnten“, konstatierte 1191 Richard Löwenherz, dem Saladin entgegnete, sie sei „noch heiliger für uns als für euch“.

Der Blick auf Jerusalem als Zentrum der Geschichte ist ein weiterer Weg, die unglaubliche Kommune zu ergründen. Der Biograf lässt Tyrannen, Edelmänner, Abenteurer, Karrieristen, Gottsucher, Romantiker, Würdenträger, Halsabschneider, Hasardeure und Patriarchen reicher Familien vorüberziehen. Auch jene schillernde Drusenadlige, die als „Princess Trash“, ägyptischer Filmstar, Sängerin, Kurtisane, Doppelagentin und Femme fatale bis 1944 die Schickeria im Hotel King David aufmischte. Das Provinznest als Schmelztiegel der Völker und Architekturen türmt Bau- und Ruinenschichten übereinander, wechselt kulturelle Identitäten, wird zum Spielball eifersüchtiger Großmächte – deren Schicksal sich auf dieser Bühne zuspitzt.

Die Utopie des guten Zusammenlebens ist der vierte Zugang für Jerusalem-Versteher. Der Vertrag, den Friedrich II. 1229 mit dem ägyptischen Sultan Kamil abschloss, sei „der kühnste“ in der Geschichte der Stadt gewesen, schreibt Sebag Montefiore: Damals bekam der christliche Kaiser Jerusalem, Bethlehem und einen Korridor zum Meer, die Muslime erhielten den Tempelberg, die Juden nichts. Im 20. Jahrhundert gab es 40 gescheiterte Jerusalem-Pläne, 13 Modelle einer gemeinsamen Verwaltung heiliger Stätten. Mittlerweile schützt eine hohe Teilungsmauer Juden vor Terroristen, ohne dass die Sorge, von hier aus könnte unsere ganze Welt explodieren, sich verringert hätte. Der Epilog führt bei Tagesanbruch zu Betern in der Grabeskirche, an der Klagemauer, in der Al-Aksa-Moschee. Wenn diese Stadt Frieden findet, wäre die Welt wohl zu retten.









– Simon Sebag Montefiore:
Jerusalem. Die Biographie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011. 912 Seiten, 28 Euro.

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