Kultur : Schmerz ...

Alte Stoffe, bunt verpackt: das 19. Fantasy Filmfest

Frank Noack

Brutale Horrorfilme hatten es lange Zeit schwer, ein weibliches Publikum zu finden. Empfindsame Frauen fürchteten sich vor den Gewaltexzessen, während die ganz Coolen sich bloß angeödet zeigten: Mit den hilflos kreischenden Püppchen auf der Leinwand konnten sie sich niemals identifizieren. Erst Sigourney Weaver in den „Alien“-Filmen machte Horrorfilme für ein modernes weibliches Publikum attraktiv. Sie allein behielt einen klaren Kopf, während die Männer um sie herum versagten.

Die Umkehrung der genreüblichen Geschlechterverhältnisse wird in dem britischen Film „The Descent“ auf die Spitze getrieben: Gleich sechs Heldinnen bevölkern die Leinwand. Der einzige männliche Darsteller hat wenig zu tun, er holt seine Frau von einem Wildwasser-Ausflug ab, stößt auf der Heimfahrt mit einem Lieferwagen zusammen und wird von einer Eisenstange durchbohrt. Die trauernde Witwe, die bei dem Unfall Mann und Kind verloren hat, tröstet sich auf ungewöhnliche Weise, indem sie mit fünf Freundinnen ins Erdinnere klettert. Hierbei schafft Regisseur Neil Marshall mit geringem Aufwand ein beklemmendes Raumgefühl. Wie erholsam ist es dagegen, sich im Wald oder in der Wüste zu verlaufen!

Mit großen Namen könnte man für das 19. Fantasy Filmfest werben, die jährliche Pflichtveranstaltung für alle Liebhaber von Horror, Crime und Mystery. Bruce Willis, Faye Dunaway, Robin Williams und Vanessa Paradis gehören zur Besetzung der rund 60 Filme. Allerdings haben es vor allem die weniger prominent besetzten Raritäten in sich. Roberto Rodriguez’ „Sin City“ läuft schon im Kino, und Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ startet in ein paar Wochen. Dagegen dürfte sich ein so unangenehmes Horrorstück wie Brett Leonards „Feed“ schwer vermarkten lassen – schließlich nimmt sich dagegen „Das Schweigen der Lämmer“ geradezu harmlos aus. Ein Serientäter bringt Frauen in seine Gewalt und mästet sie zu Tode. Der australische Film wagt sich an das Tabu Fettleibigkeit, wobei einem hier das sonst im Kino übliche Lachen vergeht, vom Appetit ganz zu schweigen.

Aus einem anderen Grund dürfte es Kim Jee-Woons „A Bittersweet Life“ schwer haben. Der Südkoreaner erzählt eine im Grunde abgenutzte Geschichte: Profikiller entdeckt sein Herz – und wird selbst zum Gejagten, weil er einen Auftrag nicht ausführt. In einer Mischung aus „Kill Bill“ und „Die Passion Christi“ wird der Protagonist gefoltert, verstümmelt und vergraben, kriecht mühsam an die Erdoberfläche zurück, wird wieder eingefangen – und wehrt sich mit doppelter Kraft. Pointen gibt es hier nicht zu verraten, denn auf der Handlungsebene ist alles vorhersehbar. Der Spannung tut das keinen Abbruch. Es sind die unerwarteten Zwischentöne, die besonders überzeugen: Kim Jee-Woon verbindet Melancholie mit Humor, Schönes mit Hässlichem, nicht enden wollenden Kugelhagel mit Zärtlichkeit.

Fantasy Filmfest, bis 24. August im Cinemaxx Potsdamer Platz. Details unter www.fantasyfilmfest.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben