Kultur : Schmerz am Horn

Abdourahman Waberi berichtet aus Dschibuti

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Dschibuti ist ein strategisch bedeutsamer Staat. Seine Nachbarn sind das zerfallene Somalia und, auf der anderen Seite des Roten Meeres, der zerfallende Jemen. Dschibuti ist aber auch ein Land in permanentem Aufruhr. Mehrere tausend französische und amerikanische Soldaten sind dort im Einsatz gegen Terror und Piraterie auf Dauer stationiert. Erst vor einem guten Vierteljahr erschossen Sicherheitskräfte mehrere Oppositionelle. Die Demonstranten, die Ismail Omar Guelleh, den Präsidenten des kleinen Lands am Horn von Afrika, bewegen wollten, nicht für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, die er sich nur durch eine Verfassungsänderung sichern konnte, wurden auseinandergetrieben. Und die Regierung wies amerikanische Wahlbeobachter aus.

Dschibutis bekanntester Schriftsteller, der 1965 geborene Abdourahman Waberi, der auch schon als DAAD–Stipendiat in Berlin lebte, schildert in seinen Werken die soziokulturelle Situation in Ländern, die vermeintlich an der Peripherie der Weltpolitik liegen. Er berichtete über die Uranvorkommen in Niger, durch die dieser Staat für den Iran und die USA interessant wurde. „In dieser vollständig vernetzten und von Gottes Wort abhängigen Welt“ gebe es keine Peripherie, sagt Dschamal, der islamistische zweite Sprecher in Waberis neuem Roman „Tor der Tränen“. Sowohl für die westlichen Truppen und die begleitenden „Soldaten der Informationsbeschaffung“ als auch für die Gotteskrieger aus der Wüste ist jede Begegnung und jede Bewegung dem Auge einer höheren Macht ausgesetzt, entweder Google oder Gott.

„Tor der Tränen“ ist die deutsche Übersetzung von „Bab el Mandeb“, dem arabischen Namen für die Meerenge zwischen Dschibuti und dem Jemen. Waberi, der heute als Englischlehrer im französischen Caen lebt, lässt zwei Brüder aneinandervorbeireden. Dschib ging mit 18 nach Montreal und arbeitet seit dem Ende seines Informatikstudiums für eine paramilitärische Organisation namens Adorno Location Scouting. Er soll die Stimmung in der Bevölkerung seines Heimatlandes dokumentieren. Mehr und mehr ziehen ihn die Erinnerungen an seine Familie in Bann. Das Wiedereintauchen in seine Kultur ist für den Leser interessant, als Auftrag einer Sicherheitsfirma aber nicht recht glaubhaft. Was Dschib seinem Arbeitgeber zu berichten hat, wird nicht klar.

Sein Bruder Dschamal sitzt als Gotteskrieger im Gefängnis. Er notiert die Aussprüche seines Mentors über die glorreiche Vergangenheit und Zukunft großer muslimischer Städte. Dschamal entdeckt dabei einen an den Philosophen Adorno adressierten Text über die letzten Tage von Walter Benjamin und die Zerstörung der jüdischen Kultur durch den Nationalsozialismus. Zeitgleich liest Dschib Benjamins Ausführungen über den angsterfüllten Engel der Geschichte.

Die drei Textebenen überschneiden sich, und das Ende ist dramatisch. Der Leser erkundet die konfligierenden Loyalitäten in einem Staat mit multireligiöser Vergangenheit und auswärtiger Truppenpräsenz. Die essayistischen Passagen sind die stärksten. Hier hört man Waberis eigene Stimme. Der Informationssoldat Dschib hat aber keine erkennbare eigene Stimme. Teils gelingen ihm poetische Perspektiven: „Es geht nicht darum, das Land zu besitzen, sondern darum, es zu ehren.“ Andererseits spricht er wie in Lexikoneinträgen. Er erklärt, Stanford sei eine kalifornische Universität oder referiert Banalitäten über die Anschläge auf die USS Cole. So bleibt „Tor der Tränen“ ein zwiespältiges Buch. Christophe Fricker

Abdourahman Waberi: Tor der Tränen. Roman. Aus dem Französischen von Katja Meintel. Edition Nautilus, Hamburg 2011. 159 Seiten, 16 €. – Am Montag, den 21. Juni, liest Waberi um 19 Uhr im Berliner Institut Français.

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