Kultur : Schmerz-Kunst oder "Der Bevölkerung" zum Trotz

Nicola Kuhn

Da hat er nun seine Bevölkerung! Der Bundestag - Volksvertretung und Repräsentant auch der Bevölkerung - will bei Hans Haackes Kunstbeitrag für den Reichstag ein Wörtchen mitreden. Schließlich soll das Werk in metergroßer Leuchtschrift "Der Bevölkerung" gewidmet sein und in ein spannungsvolles Verhältnis zur Inschrift "Dem deutschen Volke" am Hauptportal treten, sich außerdem durch die Teilnahme der Abgeordneten - als Lieferanten von Erde aus ihrem Wahlkreis - konstituieren. Da scheint nicht nur individuelle Meinungsäußerung, sondern auch eine politische Debatte angemessen. Sollte man meinen - gäbe es nicht die vom Kunstbeirat des Parlaments bereits gefällte Entscheidung zugunsten der Installation.

Hans Haacke ist also mit seinem Projekt geradewegs in den Spalt zwischen Kunst und Politik geraten, genau an die in den letzten Jahren von Künstlern immer seltener lokalisierte Stelle, wo Kunst weh tut und Politik "Aua" schreit. Der in New York lebende Konzeptkünstler hat dieses Ziel seit jeher verfolgt, so dass es auch kaum verwundert, wenn ihm gleichzeitig in seiner Wahlheimat eisiger Wind entgegenweht, wo er für die am Wochenende beginnende Whitney-Biennale einen höchst provozierenden Beitrag geplant hat. Dem renommierten Whitney Museum wird vom aufgebrachten Unterstützer-board bereits mit Geldentzug gedroht; der Bundestag riskiert "nur" eine Debatte, die auch hier zur Ausladung des Künstlers führen könnte.

Wie eine Generalprobe für den erwarteten Schlagabtausch der Abgeordneten wirkte da eine Diskussion in der Berliner Akademie der Künste, an der unter anderem Rita Süßmuth als einstige Kunstbeiratsvorsitzende sowie die jeweiligen Antragsteller für und gegen das umstrittene Werk teilnahmen. Dieses Vorspiel machte einerseits Mut - denn ähnlich wie bei der Parlaments-Debatte vor sechs Jahren um die Reichstagsverhüllung durch Christo & Jeanne-Claude könnte auch der Haacke-Fall zu einem Lehrstück politischer Auseinandersetzung mit Kunst werden. Aber wäre das wirklich wünschenswert? Eine Abstimmung über Kunst nach dem Mehrheitsprinzip?

Die Fronten verlaufen eindeutig: Während Haacke-Gegner Norbert Lammert (CDU) die Abgeordneten für qualifiziert genug hält, warnt Befürworter Gert Weisskirchen (SPD) vor Anmaßung und Zensur, und Rita Süßmuth will sich das Zutrauen in den deutschen Bundestag nicht nehmen lassen. Doch über eines sollte man sich im Klaren sein: Das Beispiel Haacke könnte Schule machen und auch Gemeinderäte dazu veranlassen, nicht nur ihre Kulturgremien, sondern auch ein Stück Freiheit der Kunst populistisch zur Disposition zu stellen. Vorbildlich wollte der Bundestag mit seiner Kunst am Bau dastehen; nun muss er lernen, die mit eben dieser Kunst ins Haus geholten Spannungen auszuhalten.

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