Kultur : Schmerz lass nach!

Die Szene kurariert sich selbst, schwer von sich begeistert:  Das Berliner Festival „Tanz im August“ glänzt durch Belanglosigkeit

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Zucken und zittern. Szene aus Meg Stuarts Stück „Damaged Goods“, das im Radialsystem präsentiert wurde. Foto: Chris Van der Burght
Zucken und zittern. Szene aus Meg Stuarts Stück „Damaged Goods“, das im Radialsystem präsentiert wurde. Foto: Chris Van der Burght

Die blonde Tänzerin liegt mit dem Rücken zum Publikum auf einem Lammfell, das garantiert unbehandelt und ungefärbt ist – ein Babytraum. Auch der Tanz hat das Ökosiegel verdient. Christine Borch hat zuletzt ein Solo für eine schwangere Tänzerin kreiert – deren gerundete, schwere Bewegungen ahmt sie nun selbst nach. Die Dänin hat sich ein ockerfarbenes Tuch um die Hüften geschlungen, sie hechelt und seufzt, geht in die Hocke, die Erregung kommt in Wellen, und immer lauscht sie auf ihre Körpermitte. Wie eine Mischung aus Fruchtbarkeitsritual und Geburtsvorbereitungskurs sieht diese Performance aus, die sich „Body in Progress“ nennt. Und eins muss man Borch lassen: Sie schafft es, schwanger auszusehen, ohne schwanger zu sein.

„In Progress“ nennt sich eine neue Reihe beim Berliner „Tanz im August“, das am Sonntag zu Ende geht. Die Festival-Kuratoren haben dem Wunsch von Choreografen entsprochen, Arbeiten zu präsentieren, die noch im Entstehen sind. 30 Minuten dauern die Shows, die suggerieren: Jeder kreative Prozess führt unweigerlich zu progress, jedes Werden mündet in ein Gelingen. Der Andrang im Podewil ist jedenfalls riesig; das Palais in der Klosterstraße ist Szenetreff und Kontaktbörse. Was die jungen Leute anlockt, ist nicht allein der Wunsch, Körpererfahrungen und Empfindungen zu teilen. Hier geht es ums Sehen und Gesehenwerden.

Insofern ist es nur konsequent, dass die Sommerbar zu einem „Selfpresentation-Marathon“ einlud, bei dem jeder mitmachen konnte. „WOW – wir arbeiten hier“ nennt sich das Team, das mit seinen partizipativen Ideen den Marktmechanismen trotzen will und schwer von sich selbst begeistert die Losung ausgibt: „Join in Utopia“.

Hier findet jeder Selbstdarsteller seine Bühne und jedes Nischenprogramm ein Publikum, die Szene kuratiert sich selbst. Diese Belanglosigkeiten prägen das Bild des diesjährigen „Tanz im August“-Festivals ebenso wie die Aufführungen der internationalen Ensembles. Das wäre nicht weiter schlimm – warum den Selbstberufenen nicht ihren Freiraum lassen? –, wenn Arbeiten gezeigt würden, die ästhetische Maßstäbe setzen, an denen sich, um eine Lieblingsvokabel der Kuratoren zu benutzen, eine künstlerische Position ablesen ließe. Doch die Darbietungen hinterlassen einen oft ratlosen, vielfach tief deprimierten Betrachter.

Die Choreografin Meg Stuart wollte mit „Violet“ wohl an ihre radikalen Anfänge anknüpfen. In dem Tanzstück erzeugt Brendan Dougherty einem Foltermeister gleich an Computer und Schlagzeug einen dröhnenden Industriesound, der immer heftiger auf die Körper der fünf Tänzer einwirkt. Ein junger Mann spreizt seinen Arm ab, der wie abgestorben wirkt. Eine Japanerin flattert mit der Hand, als ob sie einen neurologischen Tick hätte. Dieses „Alien Hand Syndrom“ ist eine der Störungen, die die Tänzer von „Damaged Goods“ ausstellen. Zum Fuchteln und Stochern der Arme kommt das von Stuart schon bis zum Überdruss durchdeklinierte Vokabular aus Zucken und Zittern. „Violet“ ist eine Feier des Kaputten – und in seiner Kombination aus Lärm und Nicht-Tanz auch schmerzhaft für den Betrachter.

Wie aufwühlend ist dagegen der Streit der Körper in „Sueur des Ombres“ von Andréya Ouamba. Die sechs Tänzer aus dem Senegal, dem Kongo, Burkina Faso und Benin führen ständige Territorialkämpfe, sie legen Wut und Schmerz in ihre Bewegungen. Da verblassen die seelischen Phantomschmerzen der „Damaged Goods“ schnell.

Tanz aus Afrika war diesmal ein Schwerpunkt, eine klare Setzung. Die Arbeiten haben den „Tanz im August“ bereichert, sie haben das Fenster zur Welt aufgestoßen bei einem ansonsten ereignisarmen Festival. Was hingegen „In vivo“ von Mickaël Le Mer hier zu suchen hat, mag der Himmel wissen: ein Resozialisierungsprogramm aus La-Roche-sur-Yon, das nur einen faden HipHop-Aufguss bietet – und beileibe nicht die einzige überflüssige Aufführung war in diesen Tagen.

Gleich vier Kuratoren hat „Tanz im August“ – damit ist Berlin spitze. Das Festival wird deshalb von einer Quadriga geleitet, weil die Tanzwerkstatt und das Hebbel am Ufer es gemeinsam ausrichten. Wo vier Leute mitreden, kommt es unvermeidlich zu Nivellierungen. Doch die Unzufriedenheit wächst. Im Rückblick muss man feststellen, dass in den letzten Jahren Entwicklungen verpasst und wegweisende Arbeiten dem Publikum vorenthalten wurden. Warum waren die britischen Stars Wayne McGregor und Hofesh Shechter nie in Berlin. Das größte deutsche Tanzfestival hat an Glanz eingebüßt.

Es ist an der Zeit, über ein anderes Modell nachzudenken. „Tanz im August“ braucht neue Impulse – und vielleicht bietet sich 2012, wenn Annemie Vanackere die künstlerische Leitung des HAU übernimmt, die Chance zu einer Neuausrichtung. Wer vom „Tanz im August“ enttäuscht ist, kann sich freilich trösten: Die Spielzeit Europa und das HAU warten im Herbst mit etlichen Höhepunkten auf, unter anderem mit Shechter. Bis dahin fasst sich die Berliner Tanzgemeinde an der Hand und beglückt sich selbst.

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