Kultur : Schmerz und Schmelz

Isabel Herzfeld

Ergreift die neue Ernsthaftigkeit jetzt auch die Konzertprogramme? Existenzielles um Tod und Trauer bestimmte den Abend des Vogler-Quartetts im kleinen Konzerthaus-Saal. Schon die Fugen, die Mozart nach dem Wohltemperierten Klavier von Bach für Streichquartett setzte, um sich für eigene Werke auf den ungewohnten strengen Satz einzustellen, sprechen in ihrem schlichten, würdevollen Fortgang von umfassender, alle Wünsche und Leiden aufhebender Objektivität. Das mittlerweile sehr renommierte Ensemble erfüllt zunächst dieses gleichmütige Gleichmaß mit voller, runder Tongebung und setzt erst in der Schlussfuge stärkere rhythmische Akzente.

Expressivität pur dafür im d-moll-Quartett KV 421, dessen Entstehung die Geburt des ersten Kindes begleitete - dafür überraschend melancholisch, ja tragisch geraten. Unversehens gemahnen manche harmonische Schatten im Allegro oder die in süßem Schauder zitternden Repetitionen im Variationensatz an Schuberts "Der Tod und das Mädchen". Hier wetteifern die Musiker in elegischem, dynamisch abgestuftem Schmelz, treten auch Bratsche und Cello mit weicher, sonorer Fülle hervor. Hitzige Steigerungen, dissonante Aufschreie werden zu wahren Kraftausbrüchen intensiviert - die Lieblichkeit des Andantes allerdings gerät allzu direkt, bruchlos nüchtern.

Kontrapunktische Künste dienten Mozart zur Ausdruckssteigerung; bei Schostakowitschs Spätwerk ist das Gegenteil der Fall. Dem 15. Streichquartett, ein Monument abgrundtiefer Trauer in sechs Sätzen, ist alle Sinnlichkeit des Schmerzes, aller zuweilen koketter Genuss am Leiden ausgetrieben. Kahle lange Linien schleichen umeinander, von kurzen Episoden wild ausbrechender Bewegung oder paradiesisch nostalgischer Harmonie durchbrochen. Was sich zaghaft zum Walzer aufschwingt, stürzt in schneidend scharfe Schwelltöne und ultimative Trauermarsch-Gesten.

All dies bietet das Vogler-Quartett mit konzentriertem Ernst und untadeliger Präzision, obendrein in bewundernswert bruchloser Übergabe der Motive. Was fehlt, zeigt etwa eine Aufnahme des alten Borodin-Quartetts: zerbrechliche Wärme, eine Stimme des Trostes noch in den finstersten Klanggewölben. Die Borodins wussten eben, wovon sie spielten.

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