"Schmerz" von Zeruya Shalev : Blitzschlag der Erinnerung

Familienaufstellung im Zufallsgewitter: Zeruya Shalevs Roman „Schmerz“ erzählt von einer posttraumatischen Bewährungsprobe

von
Zeruya Shalev
Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev.Foto: Arno Burgi/ dpa

Diese Schmerzensfrauen! Eigentlich dachte man, sie gehörten der Vergangenheit an, jenem Reich der Neuen Subjektivität, in dem das weibliche Personal zwischen zwei Buchdeckeln litt, am Mann oder sich selbst, sich häutete und seine Befreiung in Selbsterfahrungsgruppen inszenierte. Die israelische Erfolgsautorin Zeruya Shalev, der seit „Liebesleben“ (2000) in Deutschland eine treue Gemeinde folgt, gehört zu den Nachfahrinnen jener gepeinigten Weiblichkeitsfraktion, deren besserer Teil den Sprung aus der Nische der subkulturellen Frauenverlage und -buchläden schaffte.

„Schmerz“ heißt programmatisch ihr neuer Roman, und gleich im ersten Satz kehrt dieser Schmerz in Gestalt eines „Er“ zurück, der sich auf die Folgen eines Attentats beziehen mag, bei dem sie zehn Jahre zuvor schwer verletzt wurde, oder auf einen Mann, dem sie wiederbegegnen wird. Als erfolgreiche Direktorin einer Jerusalemer Schule, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder, könnte die 45-jährige Iris eigentlich zufrieden sein. Sie hat sich eingerichtet in einem Alltag, in dem sie den körperlichen Schmerz überwunden glaubte.

Zwar ist die Zuneigung zu ihrem Mann Micki, einem introvertierten Nerd, der lieber mit imaginären Gegnern Blitzschach spielt, als sich mit Iris auseinanderzusetzen, einer uneingestandenen Abwehr gewichen, die sich unter anderem in getrennten Schlafzimmern ausdrückt. Doch immerhin hat sich Omer, der Problemsohn, ganz gut entwickelt, und die wenig ehrgeizige Tochter Alma, die ihre Armeezeit mehr schlecht als recht hinter sich gebracht hat, scheint in Tel Aviv vorerst gut aufgehoben zu sein.

Schmerz und Schuldzusammenhänge

Doch wie in Zeruya Shalevs früheren Romanen übernimmt dann der Zufall das Geschehen. Im Krankenhaus trifft Iris auf ihre einstige Jugendliebe Eitan, der sie nach dem Tod seiner Mutter plötzlich verlassen hatte. Der damalige Schmerz hatte fast tödliche Folgen, und Eitans Wiederauftauchen ruft Erinnerungen wach: an den abwesenden Vater, der im Sechstagekrieg umgekommen ist; an die zuwendungsunfähige Mutter, die ihr die Betreuung der jüngeren Zwillingsbrüder aufbürdete; und an jene Liebe der 17-Jährigen, die dem Mädchen Erlösung versprach.

Inzwischen ist Eitan Arzt und - ausgerechnet - Schmerztherapeut. Er diagnostiziert bei Iris posttraumatische Schmerzen. Will sich Iris, die so lange an den Folgen seines Treuebruchs litt, erneut in Eitan verlieben? Und was soll aus ihrer Familie werden, aus Alma vor allem, die, wie sich herausstellt, einem Guru hörig ist, der ihr Erlösung durch „innere Befreiung vom Ego“ verspricht, sie vor allem aber ökonomisch und sexuell ausbeutet?

Neben dem Schmerz wird der Roman aber auch von Schuldzusammenhängen dominiert. Die Schuld Eitans gegenüber Iris, die so lange hoffte, er möge sich entschuldigen, mischt sich mit der von Micki, der am verhängnisvollen Morgen des Attentats zu spät dran war, um die Kinder zur Schule zu bringen. Dass Iris dies übernehmen musste und just in der Minute an jenem Bus vorbeifuhr, in dem der Selbstmordattentäter die Bombe zündete, hat sich als Familientrauma eingenistet, denn auch Alma und Omer machen sich Vorwürfe. Warum hatte sich der Junge damals widerborstig in die Toilette eingeschlossen, warum das Mädchen auf das Flechten französischer Zöpfe bestanden? Das zufällige Zusammenwirken aller Umstände brachte sie lange Zeit um die Mutter.

Andererseits: Ohne diese Katastrophe hätte Iris Eitan nicht wiedergetroffen. „Von dem Moment an, an dem die Willkür plötzlich das Gefühl der Zugehörigkeit und der Kontinuität unterbricht, wird alles belanglos.“ Für einen Augenblick, als Iris und Eitan noch einmal zusammenkommen und die nicht ausgelebte, mythisch überhöhte Jugendliebe nachzuholen versuchen, glaubt Iris an „die zweite Chance im Leben“. Doch die Affäre, heimlich und schuldbewusst ausgelebt, wird überwölbt von einem Familiendrama, das von der Schoah bis in die Gegenwart reicht. Die Probleme mit Alma nehmen erschreckende Ausmaße an, und Iris glaubt, auf ihr Glück verzichten zu müssen.

Ästhetische Fallen mit überdeutlichen Botschaften

Sie habe, sagte Zeruya Shalev auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin, bei dem sie kürzlich zu Gast war, eigentlich nie über dieses Attentat mit autobiografischen Hintergründen schreiben wollen. Ihr Roman sei auch nicht als selbsttherapeutische Maßnahme zu verstehen. Es gehe ihr vielmehr um archetypische Familien- und Beziehungskonstellationen, um Traumata, die sich wie bei Iris über Generationen hinweg fortpflanzen. Die Erinnerung an ihre Jugend, an ihre vollkommene Liebe, heißt es im Roman, hindere Iris daran, die Gegenwart tief zu erleben.

Um diesen unausgesetzten inneren Monolog, diesen Kampf mit uneingelösten Empfindungen und Hoffnungen in Szene zu setzen, greift Shalev auf ihren typischen Sound zurück, der Introspektion und ereignishafte Wahrnehmung fast ununterscheidbar ineinanderfließen lässt. Selbst dort, wo es um die Gefährdung des zusehends extremistischen Landes geht und um die Angst der Mütter, ihre Kinder zu verlieren. In diesem Fall allerdings wirkt die „Familienaufstellung“ wie das jederzeit verschiebbare Figurenensemble auf Mickis Schachfeld. Die Zufälle sind bis hin zur Wiederbegegnung mit dem ehemaligen Schüler Sascha, der Alma aus den Händen des Gurus retten soll, haarsträubend konstruiert und die Botschaften übertrieben deutlich: „Zum ersten Mal kommt ihr in den Sinn, dass auch sie von einem bösen Tyrannen versklavt war, einer Vergangenheit die einen langen bitteren Schatten auf ihr Leben warf“. Es mangelt an Glaubwürdigkeit, folglich verblasst jeder Möglichkeitshorizont.

Neu ist auch, dass die biblisch bewanderte, eigentlich bildstarke Autorin sich an manchen Stellen im Kitsch verliert: „Ihr Kopf stößt sich durch das Laubwerk wie der Kopf eines Kindes durch den Geburtskanal“, heißt es einmal, von Alma ist als „knospender Blüte“ die Rede, und der Glaube an die Liebe leuchtet „wie ein Heiligenschein“. Der weibliche Schmerzraum hat eben seine ästhetischen Fallen.

Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015. 380 Seiten, 24 Euro. Innerer Monolog.

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