Kultur : Schmerzhafte Nähe

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Es gibt Bücher im Stapel neben meinem Bett, die immer wieder nach unten wandern. Und dann fange ich doch an zu lesen – und höre nicht mehr auf. „Vesper Ensslin Baader“ von Gerd Koenen war so ein Buch. Ich habe geglaubt, über die „Urszenen des deutschen Terrorismus“ hinlänglich Bescheid zu wissen. Und dann entdecke ich bereits auf den ersten Seiten einen brillanten Autor, der aus gut recherchierten Versatzstücken ein neues Bild der (Vor)Geschichte der RAF zusammenbaut. Koenen beschreibt, wie Gudrun Ensslin Anfang der Sechziger mit ihrem Lebensgefährten Bernward Vesper einen Verlag betrieben hat. Sie bringen das Lebenswerk seines Vaters, des NS-Schriftsteller Will Vespers, heraus. En passant erledigt sie die Korrespondenz von Bernward Vesper, der mit rechtsextremen Publizisten wie Gerhard Frey darüber streitet, wie eine „moderne“ Rechte auszusehen hätte. Diese schmerzhaft nahe Sicht auf Menschen und Zusammenhänge bricht den Glanz von Ikonen, lässt Risse sichtbar werden. Hier fängt Denken an, Spaß zu machen.

Andres Veiel, dessen Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ zurzeit in den Kinos läuft, wird gemeinsam mit Gerd Koenen das Drehbuch zu seinem ersten Spielfilm „Vesper, Ensslin, Baader“ schreiben.

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