Kultur : Schmuggler und Schlucker

Urlaubszeit, Lesezeit: Welche Lektüre empfiehlt sich für die Reise? Neue Romane und Erzählungen zum Ferienbeginn

Frederik Hanssen

Warum trug Zorro eine Maske? Weil er Segelohren hatte, die er damit verdecken wollte! Dieses und manch anderes pikante Detail aus den Kinder- und Jugendjahren des spanisch-amerikanischen Helden gibt Isabel Allende in ihrem neuen Roman preis. Von seiner Geburt 1795 in Kalifornien – damals eine spanische Kolonie – über die Studienzeit in Barcelona bis zur Rückkehr nach Amerika 1815 beobachtet die Bestsellerautorin Diego de la Vega, wie Zorro bei ihr mit bürgerlichem Name heißt. Turbulent geht es von Anfang an in diesem Doppelleben zu, der Sohn eines spanischen Edelmannes und einer Halbindianerin wird von seinem wallenden Blut nicht nur zum Kampf für die Gerechtigkeit, sondern auch zu allerlei Schabernack getrieben. Allendes 440 Seiten starkes Halbstarkenbuch will alles auf einmal sein: Bildungs- und Schelmenroman, Mantel und Degen-Spektakel, Biografie eines gutes Menschen, Panorama des frühen 19. Jahrhunderts und Liebesschmonzette.

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Der Plot entwickelt sich so absurd und haarsträubend wie ein Verdi-Libretto – die Musik, die Allende dazu komponiert, erreicht eher die Qualität einer Buffo-Oper von Donizetti. Ein bisschen überschaubar sind die Figuren der unüberschaubaren Story angelegt, ein bisschen einfach werden die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge gedeutet. Aber, wer von Allendes „Geisterhaus“ begeistert war, mag mit dem Degenhelden noch einen Erfolg beim Nachwuchs landen: Die effektgeladene Räuberpistole des janusköpfigen Zorro/Diego, der nicht nur ficht wie ein Weltmeister, sondern auch alle nur erdenklichen Zaubertricks drauf hat, könnte Kids gerade recht kommen, die Tolkien und Rowling mögen. Und die werden ja auch von Erwachsenen gelesen.

Isabel Allende: Zorro. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M., 444 Seiten, 22,80 €.

Ein Budapester Luxushotel voller Exzellenzen und bleicher schönen Frauen, dort fließt der Champagner in Strömen, und in der Haupthalle steht Béla, der Liftboy. Auf nach Uj-Pest! Dort, im Elendshaus voller Lumpenproletariat, wo selbst die Bettdecken beim Pfandleiher versetzt werden müssen, wohnt Béla mit seiner sanften, als Wäscherin schuftenden Mutter und mit dem schönen Miska, seinem lebenslustigen Nichtsnutz von Vater. Zwischen Pest und Uj-Pest liegt ein Fußweg von vier Stunden, die geht Béla jeden Tag, morgens hin, nachts zurück, für die Straßenbahn hat er kein Geld.

János Székelys neu aufgelegter 800-Seiten-Schmöker „Verlockung“ von 1946 erzählt die Geschichte des Jungen Béla im Ungarn der Zwischenkriegszeit. Die Geschichte von einem, dem das Schicksal kaum ein kleines, dreckiges Leben gönnt. Der im Dorf mit anderen Pflegekindern bei Tante Rozika aufwächst, einer Hexe von Frau, und der auch in Budapest nichts als seine Überlebenswut hat. „Verlockung“ ist ein wilder, berauschender Roman des Elends, der Hungersnot und Seelenpoesie eines Halbwüchsigen, der sich das Recht auf Lesen und Schreiben stibitzt wie einen Kanten Brot. Da wird geflucht und gebetet, geprügelt und geliebt, und die Sprache selbst kämpft einen wütend-fantastischen Klassenkampf, rackert sich ab, ist sich für nichts zu fein. Die Welt ein Tollhaus, ein Schurkenmärchen. Und auch Béla trotzt mit seiner schier unermesslichen Sehnsucht (nach Amerika!) all der Verzweiflung. Ein atemloser Report aus einem Europa der Angst, der Armut, der Leidenschaft: So müsste ein Film aussehen, den Emir Kusturica nach einem Kästner-Roman gedreht hat.

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Wie Béla hat übrigens auch János Székely als 15-Jähriger ein Gedicht an die Zeitung geschickt, und es wurde gedruckt. Aber er traute sich trotz Einladung nicht in die Redaktion, weil er keine langen Hosen besaß. Er schaffte es bis nach Amerika, schrieb Drehbücher mit Ernst Lubitsch und starb 1958 in Berlin. Ungarn hat er nie wieder gesehen. Christiane Peitz

János Székely: Verlockung. Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Iványi. Schirmer-Graf, München 812 Seiten, 24,80 €.

Nicht alle Geschichten spielen in Wien. Aber irgendwann münden sie dort, weil ihre unheldischen Helden dort ankommen, aus der Ukraine, Moldawien, Serbien, Bulgarien. In Lastwagen zwischen Radios oder Reifen oder auch schon mal – quicklebendig – in Särgen. In Wien erwartet sie nichts und niemand. Alle anderen armen Schlucker, mit denen sie sich um schwarze oder weiße Arbeit balgen, „schwarz und weiß wie das Brot“, sind schon da. So schlingern sie durch die Jahre, auf dem Arbeiterstrich, beim Blutspenden, sie kellnern oder sie gehen als Sandwichman, und irgendwann holt sie die Polizei. Griechischer Pass, haha, EU-Bürger? Na dann reden wir doch mal Griechisch! „Nicht sprechen können, was? Nur Ouzo und Tsatsiki wissen?“

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Es ist kein schönes Einspänner- und Schlagobers-Wien, kein Sommerwien, von dem Dimitré Dinev erzählt: Aber gibt es dieses Wien überhaupt außer auf bunten Postkarten für uns Durchreisende? Hängengebliebene sind es, für die der 1968 in Plovdiv geborene bulgarische Schriftsteller sich erwärmt, Leute, die etwas Besseres als den Tod überall finden – und wenn der Tod sie doch findet, kommt er wie ein Witz. Lakonisch, trocken, zügig, manchmal sarkastisch schreibt Dinev, der in seinen 15 Wiener Jahren selber auf dem Bau oder als „Würstelstandler“ gearbeitet hat; und er schreibt in deutscher Sprache. Zehn Erzählungen versammelt „Ein Licht über dem Kopf“ – kühlklare Einladung, gleich in sein vor zwei Jahren erschienenes Epos „Engelszungen“ weiterzureisen, von einem Bittertraum-Universum ins nächste. Nur: Gejammert wird nicht, wir sind schließlich am Leben. Jan Schulz-Ojala

Dimitré Dinev: Ein Licht über dem Kopf. Erzählungen. Deuticke im Zsolnay Verlag Wien, 186 Seiten, 17,90 €.

Eine einfache Geschichte: Boy meets Girl auf dem Schiff nach Spanien. Er ein Argentinier, 19 Jahre und ein Hallodri, sie eine Argentinierin, etwas älter und „schöner als Paris“. Bevor sie Madrid erreichen, liebt er sie, und sie, so glaubt er, erwidert seine Gefühle. Sicher ist sich Daniel nicht. Denn Gabriela bleibt unnahbar. Aber ist ihr in Argentinien gebliebener Ehemann nicht älter und gewalttätig? Daniel bezähmt sich, er will sie durch Geduld gewinnen. Oder zähmt sie ihn? Daniel Chavarría erzählt in „Jenes Jahr in Madrid“ ein kosmopolitisches Melodram der ungelebten Liebe. Daniel wird dieses Jahr niemals vergessen. Denn als es endet, verlässt ihn Gabriela, schwanger von einem Dritten, einem Deutschen.

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Daniel sucht Vergessen im Reisen. Vierzig Jahre später erzählt er, inzwischen wie der gleichnamige Autor Schriftsteller geworden und auf Kuba lebend, Bekannten von der Liebe seines Lebens. Das triste Ende erscheint ihnen nicht glaubwürdig. Sie nötigen Daniel, den Kontakt zur einstigen Geliebten und seinem Nebenbuhler zu suchen, um die Wahrheit zu erfahren. In Deutschland, Spanien und Argentinien erzählt jeder seine Variante der Vergangenheit, eine schillernder als die andere. Chavarría jongliert mit Zeit und Raum, Dichtung und Wahrheit. Hatte einst die Strategie über die Liebe gesiegt, so triumphiert nun die Kunst des Erzählens. Ein Roman wie ein Tango – und natürlich keine einfache Geschichte. Jörg Plath

Daniel Chavarría: Jenes Jahr in Madrid. Aus dem Spanischen von Klaus E. Lehmann. Edition Köln. 260 Seiten, 17,90 €.

Auf den ersten Blick, den ersten Seiten erscheint Christine Perlacher, 42 Jahre alt und Sozialarbeiterin aus Hamburg, nicht sonderlich helle. Ihre permanente Selbstbespiegelung vor dem Hintergrund jeder Begegnung, jeder kleinsten Begebenheit auf ihren höchst unspektakulären Wegen wirkt so traurig, dass man sie zunächst nur unwillig begleiten möchte ins kleine Urlaubsglück, mitten im Winter für eine Woche nach Teneriffa. Welche (gleichaltrige) Leserin erfährt schon gerne über sich selbst, dass nun der Altersfrust beginnt, man als „mild-später Jahrgang“ gilt – zumal aus dem Munde eines Mannes.

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Hans Pleschinski hat sich tief ins Seelenleben Christine Perlingers hineingebohrt, und man möchte ihm Einhalt gebieten bei all den kleinen Indiskretionen, die er gegenüber seiner Protagonistin begeht. Von denen der Mann doch bitteschön keine Ahnung haben kann. Aber Christine Perlinger, das sind eigentlich wir alle, nicht nur die gebeutelte Singlefrau, die sich angstvoll fragt: „War nun alles Wichtige geschehen? Hatte die finale Verpuppung begonnen?“ Und ihre Reise, vom wintergrauen Hamburger Flughafen bis zur erträumten Bucht auf Teneriffa, steht für unser aller Sehnsucht nach dem richtigen, dem aufrichtigen Leben. Aufrichtig gegenüber sich selbst. Auf diese Weise hat Pleschinski eine kleine, berührende Zivilisationskritik geschrieben, den Pauschaltourismus im Rücken, die individuellen Alltagsfluchten im Blick. Nicola Kuhn

Hans Pleschinski: Leichtes Licht. Verlag C.H. Beck, München. 159 Seiten, 14,90 €.

Der Akt aller Akte hängt im Musée d’Orsay. Courbets „Ursprung der Welt“. Es gab schon manches Buch zu dem Bild mit den gespreizten Schenkeln und dem, so könnte man sagen, schier brennenden Dornbusch. Das Gemälde schrieb Kunstund Sittengeschichte, skandalös und exotisch. Jorge Edwards spinnt eine libidinöse Horrorfantasie aus. Mit einem Mal glaubt ein gutsituierter, noch viriler Siebzigjähriger, dass seine weitaus jüngere Frau ihn betrogen hat. Mit seinem besten Freund. Denn dem legte sich jede Frau ins Bett. Jetzt stehen sie vor seiner Leiche. Selbstmord eines Machos. Wild-komische, melancholische Debatten unter Exil-Chilenen in Paris. Edwards’ Held fällt in sich zusammen wie der Kommunismus, dem sie hier alle einmal anhingen. Was ist „Der Ursprung der Welt“? Der weibliche Körper – oder das eifersüchtige Primatentheater, das die Männer darum machen?

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Der Erzähler ist Arzt, der schmale Band wischt die „Methusalem“-Theorien elegant vom Tisch: Wir altern doch! Weil uns im Alter wahnwitzige Leidenschaften zerreißen. Wir werden uns also noch steigern. Es ist ein heißer Sommer in Jorge Edwards’ Paris, man liest ohne abzusetzen. Im letzten Kapitelchen spricht die Frau: die treue, ohne Reue. Rüdiger Schaper

Jorge Edwards: Der Ursprung der Welt. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Wagenbach, Berlin. 176 Seiten, 17,50 €.

Man schimpft ihn Russe, Lette oder Jude, hänselt ihn als radebrechenden Neukanadier, und am Anfang weiß Mark Berman nicht, was davon am schlimmsten ist. Undankbar gegenüber dem Staate Israel, der die Ausreise aus der Sowjetunion finanziert hat, taucht am Horizont sogar noch eine weitere Drohung auf: Er sieht sich bedroht von 150 Millionen zornigen Arabern. Bermans Erfinder David Bezmozgis hat selbst Erfahrung mit diesen Makeln: Er stammt aus Riga in Lettland. Und obwohl man die Abenteuer seines in Toronto heranwachsenden Helden nicht in jedem Fall für autobiografische Münze nehmen darf, hat es sich garantiert so angefühlt und wird sich für Immigranten auch künftig so ähnlich anfühlen.

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Bezmozgis, Jahrgang 1973, hat Charme und Tempo, das richtige Quantum Bosheit und eine schlitzohrige Traurigkeit, die einem ans Herz geht. Wenn er erzählt, unter welchem familiengefährdenden Opfer Vater Berman, der große Sportmasseur, sich eine neue Kundschaft aufbaut. Wenn Tapka, eine weiße Lhasa-Apso-Hündin, die einzige echte Gefährtin, vor die Hunde geht. Oder wenn die angeheiratete Cousine Natascha stets willig, aber doch seelenlos, ihn in der Kunst der Liebe unterweist. Gregor Dotzauer

David Bezmozgis: Natascha. Storys. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 189 S., 16,90 €.

Immer eine der schwierigsten Entscheidungen: die Urlaubslektüre. Es sind vor allem Frauen, die Bücher kaufen und lesen. Ein Phänomen nicht erst unserer Zeit, wie der Bildband Frauen, die lesen, sind gefährlich von Stefan Bollmann (Elisabeth Sandmann Verlag , 160 Seiten, 19,95 Euro) aufzeigt.

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Zu sehen sind Gemälde, Zeichnungen der vergangenen Jahrhunderte und Fotos mit Frauen, die sich in Literatur vertieft haben. Das Motiv der Lesenden hat auch den Genfer Maler Jean-Étienne Liotard fasziniert (AKG-Images/Erich Lessing). Sein Aufenthalt in Konstantinopel schlug sich in seinen Sujets nieder. Häufig kleidete er die von ihm porträtierten Frauen in orientalische Gewänder. So wie Madame Adélaine , die Liotard 1753 bei der Lektüre auf einem Chaiselongue malte . Das Bild strahlt sanfte Ruhe aus. Vielleicht eine trügerische Stille, lesende Frauen sollte man nicht unterschätzen, wie Elke Heidenreich im Vorwort des Bildbandes warnt, dem wir die Abbildung entnehmen: „Sie werden nicht nur klüger, sie genießen nicht nur ein egoistisches Vergnügen, sie können auch sehr gut allein sein.“swd

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