Kultur : Schmutz und Schund

Der Verlust der Sittlichkeit: Sybille Steinbacher erzählt, wie der Sex nach Deutschland kam

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Nackte Brüste genügten, um die junge Bundesrepublik erbeben zu lassen. Als 1950 ein neuer Fünf- Mark-Schein in Umlauf kam, war die Empörung groß. Die Banknote zeigte eine barbusige Europa, die mit einem Banner in der Hand auf einem Stier ritt. Das klassische Motiv führte zu einer Rüge aus dem Bundesfinanzministerium und zur Forderung des bayrischen Kultusministers Alois Hundhammer, das Corpus delicti einziehen und neu gestalten zu lassen. Die Notenbank sah sich zu der Erklärung veranlasst, dass sie keine unsittlichen Absichten gehabt habe. Am Ende blieb der Geldschein in Umlauf.

Eine Posse, die für Sybille Steinbacher symptomatisch ist. Denn der Kampf um Sittlichkeit und Anstand wurde, wie die an der Wiener Universität lehrende Historikerin zeigt, in den Nachkriegsjahren mit verbissenem Ernst geführt. „Wie der Sex nach Deutschland kam“ heißt ihre ebenso amüsante wie faktenreiche Kulturgeschichte, die in eine nahe, aber unendlich fremd und fern erscheinende Vergangenheit führt. Denn in diesem Kulturkampf wurde schnell zu den allergrößten Vokabeln gegriffen. Die Hüter der Moral menetekelten von „Verfall“ und „Untergang“ und warnten, noch ganz im NS-Jargon, vor einer öffentlichen Unsittlichkeit, die wie „Gift“ wirke, sich ausbreite wie die „Pest“ und den „Volkskörper“ bedrohe. Es galt, schreibt Steinbacher, einen „Schutzwall gegen die Negativerscheinungen der Moderne“ aufzurichten. Gegner waren Amerika und die beginnende Popkultur.

Ein Jahr nach der Fünf-Mark-Note sorgte wieder ein Busen für Aufregung, diesmal ein echter. Acht Sekunden lang war Hildegard Knef 1951 in Willi Forsts Film „Die Sünderin“ nackt zu sehen, in steifer Pose als Aktmodell. Sie spielte ein Mädchen aus zerrütteten Verhältnissen, das sich für ihren Geliebten prostituiert und sich am Ende gemeinsam mit ihm das Leben nimmt. Der Film löste einen der größten Skandale der deutschen Filmgeschichte aus. Es kam zu Landtagsdebatten und Prügeleien vor den Kinos, die katholische Kirche, deren Kritik vor allem dem Doppelselbstmord galt, entfesselte eine beispiellose Kampagne.

Kardinal Frings warnte in einem von den Kanzeln seiner Kölner Erzdiözese verlesenen Hirtenbrief vor der „Verherrlichung des Bösen“ und forderte, der Film gehöre „in den Mülleimer“. Der „Ruhrkaplan“ Carl Klinkhammer, der in einem zu einer Kirche umgewidmeten Hochbunker in Düsseldorf lebte, organisierte Stinkbombenattacken in Kinos. Als er dafür vor Gericht gestellt wurde, verglich sich der Geistliche mit den Hitler-Attentätern vom 20. Juli: „Ob Stinkbomben oder andere Bomben – es kommt darauf an, wogegen sie geworfen werden.“ Dem Zuschauerandrang schadete der Skandal nicht, im Gegenteil. Schon nach drei Monaten hatten vier Millionen Zuschauer die „Sünderin“ gesehen.

Die Bundesbürger waren weiter als die amtlichen und publizistischen Untergangspropheten, ihre Neugier bezeugt den Stand des gesellschaftlichen Fortschritts. Die „Rekonstruktion des Sittlichkeitsdenkens“, meint Steinbacher, musste scheitern. Der Ausdruck „Schmutz und Schund“, zentraler Kampfbegriff der Moralwächter, besaß in der Weimarer Republik Verfassungsrang und hatte zum Aufbau einer ganzen Bürokratie zur „Bekämpfung der Schundliteratur“ geführt. In dieser Tradition erließen Bayern und Baden 1946/47 strenge Regeln und schränkten die Meinungs- und Pressefreiheit ein, aber im Grundgesetz war von „Schmutz und Schund“ nicht mehr die Rede.

Nun war es Sache von Einzelkämpfern, sich gegen den Verfall der Sitten zu stemmen. Michael Calmes zählte dabei bereits zu den Veteranen. Der Generalsekretär des katholischen Volkswartbundes überwachte mit seinen Leuten Kinos, Kioske und Tanzlokale, stellte eifrig Strafanzeigen und belieferte Ministerien und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit Bergen von Ermittlungsakten. Der „notorische Nörgler und Lobbyist“ (Steinbacher) hatte bis 1945 mit dem Reichssicherheitshauptamt zusammengearbeitet und die Einrichtung von Konzentrationslagern für auffällige Jugendliche begrüßt, stilisierte sich aber zum NS-Opfer. Entsetzt musste er nach 1945 das Aufblühen eines Erotikmarktes mit einschlägigen Büchern und Magazinen wie „Das nackte Mädchen“, „Paprika“, „Der bunte Vorhang“ oder „Kobold“ erleben. Schätzungen gehen von sechs Millionen Heftchen aus.

„Wie der Sex nach Deutschland kam“ ist eine überarbeitete Habilitationsschrift, der Anhang versammelt 1400 Fußnoten. Doch Steinbacher schreibt erfreulich unprofessoral, den theoretischen Überbau verbannt sie in die Schlussbemerkung. Stattdessen führt sie mit souveräner Leichtigkeit durch die Skandal- und Erregungschronik der Republik, von der Debatte um die Sex- und Masturbationszenen in Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“ und dem Fall der ermordeten Prostituierten Rosemarie Nitribitt bis zu der vom Bundesgerichtshof verhandelten Frage, ob Kondomautomaten auch an Außenfassaden angebracht werden dürfen.

Das Buch hat, wie ein Roman, Helden. Einer ist Alfred C. Kinsey. Der amerikanische Sexualforscher betrat nur ein einziges Mal deutschen Boden, 1955 bei einer Zwischenlandung in Frankfurt am Main. Sein Vorhaben, mit seinem Mitarbeiterstab wiederzukommen und das Sexualverhalten der Deutschen zu erkunden, zerschlug sich. Doch er war ein wirkungsmächtiger Aufklärer, der Kinsey-Report löste einen Sex-Boom in den deutschen Medien aus, mit Zeitschriftenserien wie „Wie werden Frauen wieder glücklich?“, und markierte den Beginn einer mentalen Revolution. Langsam wich die Verklemmung, aber die deutschen Kinsey-Adepten verkehrten seine Lehre in ihr Gegenteil und propagierten statt der Befreiung der Sexualität ihre Bindung an die Ehe. Ein gelehriger Kinsey-Schüler war Oswalt Kolle, der als „Sex-Papst“ schlichte Weisheiten verkündete: „Männer sind wie Musikanten, Frauen wie Musikinstrumente.“

Nachhaltigeren Einfluss auf den Alltag in den deutschen Schlafzimmer sollte nur noch Beate Uhse haben. In einer zweimotorigen Maschine war die Luftwaffenpilotin vor dem „Endkampf“ um Berlin nach Schleswig-Holstein geflohen, wo sie einen Versand mit einer Broschüre zum weiblichen Fruchtbarkeitszyklus („Schrift X“) aufzog und bald auch schon Bücher, Kondome und Liebesutensilien anbot. 1957 hatte sie bereits 200 000 Kunden, 1968 zwei Millionen. Kein Gerichtsverfahren, keine Beschlagnahme konnte ihren Aufstieg stoppen. „Gestaltungsoptimismus, Fortschrittsglaube und Zukunftssicherheit“, schreibt Steinbacher, waren das Credo der Unternehmerin – analog zur Reform- und Machbarkeitseuphorie der Epoche. „Sex sells“, lautete nun das Motto. So endete der Kampf um die Sittlichkeit im Warenhaus der Konsumgesellschaft.



– Sybille Steinbacher:
Wie der Sex nach Deutschland kam.

Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik. Siedler Verlag, München 2011.

576 Seiten, 28 Euro.

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