Kultur : Schmutzige Hände

Kleists Justizkomödie vom „Zerbrochnen Krug“ wird im Mailänder Piccolo Teatro zum überraschenden Spiegelbild von Berlusconis Italien

Peter von Becker

Es ist in Italien das Stück der Saison – und des Augenblicks. Zwar ist das Spiel zweihundert Jahre alt, doch kaum hatte diese Woche das oberste Verfassungsgericht in Rom das vielumstrittene Immunitätsgesetz des Ministerpräsidenten für unrechtmäßig erklärt, da wird auch die Szene zum Tribunal: Am selben Abend hat im Mailänder Piccolo Teatro, in Silvio Berlusconis Heimatstadt und auf der prominentesten Bühne des Landes, „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist Premiere. „La brocca rotta“ heißt sie hier, die schönste Gerichtskomödie der Weltliteratur.

Dem verwunderten Publikum erscheint dieser ferne preußische Dichter plötzlich als Zeitgenosse, und hinterher sprechen nicht nur illustre Premierengäste wie die Sängerin Milva oder der Poet Giovanni Raboni von einer Entdeckung, von einem Triumph. Dabei eilte Cesare Lievis vor einigen Wochen in Brescia herausgekommener und – wie in Italien üblich – durch mehrere Städte ziehender Kleist-Aufführung schon die Fama voraus. In Turin soll es zuletzt über zwanzig „Vorhänge“ für die Schauspieler und den Regisseur gegeben haben, und selbst das von Hochmut nicht freie, traditionell zurückhaltende Mailänder Theaterpublikum reagiert jetzt euphorisch.

Natürlich reizt schon der pure Plot, den die Italiener kaum kennen. „La brocca rotta“ wurde nur einmal in den achtziger Jahren im Rahmen eines Kleist-Projekts am Stadttheater von Genua gespielt, in einer vergleichsweise harmlosen Aufführung. Und unter anderen Zeitumständen. Kleists Dorfrichter Adam fragt ja den aus der Hauptstadt zur Visite angereisten Gerichtsrat Walter, ob er den heute anstehenden Prozess nach den gesetzlichen „Formalitäten“ führen solle oder aber auf die hier am Orte „übliche“ Art; wenn Walter hierauf spitz erwidert, er gehe davon aus: „nach den gesetzlichen Formalitäten“, wie es doch wohl auch hier üblich sei – da ist das Gelächter jetzt groß. Aber nicht nur von solchen Anspielungen, die den Italienern alle Kleist und kein kleinerer, heutiger Fo ins Ohr setzt, lebt diese von jeder äußerlichen Aktualisierung freie, poetische Inszenierung.

Sie ist so auch für deutsche Augen eine Entdeckung. Der schräg nach vorn gekippte, hinten im spitzen Winkel zulaufende Spiel-Kasten des Bühnenbildners Maurizio Balò scheint hoch überm Parkett wie zwischen Erde und Himmel zu schweben und gleicht einer überdimensionalen Puppenstube. Hier sind alle Figuren des Stücks, das mit dem niederländischen Provinzrichter Adam und dem Bauernmädchen Eve die Geschichte eines umgekehrten Sündenfalls erzählt (und so das Dorfgericht zum Weltgericht macht), hier sind sie alle von Anfang an in sonderbarer, (alb-)traumhafter Enge versammelt: erst um Adams Bett, dann um seinen Richtertisch. Ein Bild jener Verdichtung, zu der auch Cesare Lievis Inszenierung wird.

Denn Lievi lässt seine eigene, textgetreue Übersetzung des Stücks mit klugen Strichen in anderthalb Stunden ohne Pause spielen. Voll komödiantischer und dramaturgischer Konzentration. Kein Motiv, nicht einmal Kleists oft ausschweifende Rhetorik geht hier verloren; aber die Aufführung wirkt wie von einer höheren, größeren Kraft vorangetrieben. Dazu passen Blitz und Donner, unter denen Adam zu Beginn aus seiner teuflisch-menschlichen Rauschnacht erwacht; dann stößt er den surreal großen Laden an der Seitenwand auf, es schneit nun hinter dem riesigen, einzigen Fenster, und eine kühl amüsierte Stimme aus dem Off verkündet die Ankunft des Revisors aus Utrecht – wie ein anrückendes Gottesurteil. Der alte Adam ahnt da schon erstes Unheil.

Und wirkt dabei überhaupt nicht naiv. Lievis Einfall, der auch zum Tempo, zur Energie der Aufführung beiträgt, ist eine behutsame Schärfung des Milieus und des dramatischen Klimas: Gian Carlo Dettores Richter Adam stellt so nicht den gewohnt ungeschlachten, schlitzohrig derben Dorfkraftmaier vor, sondern einen nervigen, kleinstadttyrannischen älteren Macho. Dieser aus dem alten Piccolo-Ensemble von Giorgio Strehler stammende Protagonist ist jederzeit auf der Hut, sein Adam beargwöhnt beim Prozess um den nächtlich in Eves Schlafzimmer zerbrochenen Krug – und das System der dörflichen Korruption – immerzu die Reaktionen des Kontrolleurs Walter: als scharfer Mann, aus Gier und Misstrauen. Auch die übrige Bagage spielt die Kleistsche Vorausahnung des tangentopoli wenig naiv: Adams hübsche Magd (Paola Di Meglio) setzt sich schon mal sekundenlang frech auf seinen Tisch wie eine Intima (oder biestige Chefsekretärin) – und der Gerichtsschreiber Licht (Emanuele Carucci Viterbi) ist hier viel mehr als nur ein beflissener Adlatus. Er zeigt als Adams späterer Nachfolger schon den Instinkt des Mobbers, des Usurpators.

Die unerbittliche, tragikomische Logik des Kleistschen dramatischen Uhrwerks und die Intelligenz der Inszenierung leuchten so aus fast jedem spielerischen Detail. Und selbst der Krug wird als „Titelheld“ ganz unaufdringlich zur optischen Sensation. Lievi und sein Ausstatter Balò halten die Farben ihres niederländisch-überzeitlichen Genrebildes durchweg in erdig rostigen Brauntönen, durchbrochen nur vom Weiß der Hemden, Blusen oder Schneeflocken. Die einzig andere Farbe, ein Himmel- Wasserblau wie das von Delfter Kacheln, hat nur der Krug. Mit diesem scheinbar unscheinbaren Effekt erhält er wie beiläufig jene Besonderheit, von der seine Besitzerin, Eves Mutter Marthe, sonst nur in fabulösen Tönen schwärmt. Frau Marthe drängt sich ansonsten nicht vor: Aber sie ist hier als Dame von Ehre und Eigensinn auch ein Star, mit dezentem Nachdruck gespielt von Franca Nuti, einer der letzten Primadonnen des italienischen Theaters.

Überragend, weil aller romanischen rhetorischen Gestik am deutlichsten entsagend und dennoch voll souveränem Spielwitz, der consigliere Walter. Marco Balbi hat im Zusammenspiel mit der vor Adam geretteten Eve (Sandra Toffolatti) auch die letzte Pointe: Lievi spielt als Finale den früher verschollenen so genannten „Variant“ des Stücks, in dem es überraschenderweise zu einem Kuss kommt zwischen dem Gerichtsrat und der jungen Eve. Hier bietet diese dem fremden Mann (und hellen Schatten Adams) für einen Moment die Lippen, er zögert und küsst sie dann – auf die Stirn. Walter verkörpert hier zwar die mani pulite der Komödie. Doch ganz rein mögen die Hände auch des saubersten Mannes am Ende nicht sein. Das weiß der Preuße Kleist, das ahnt das hin- und hergerissene italienische Publikum.

Wie angreifbar in der Stunde der Wahrheit auch die politischen Moralisten sein mögen, hat der durch seine Inszenierungen von Wien bis Berlin, von New York bis Zürich auch im Ausland bekannte Lievi dieser Tage mit einer Uraufführung noch ein weiteres Mal zum Thema gemacht. In einer modernen „Alkestis“-Version des Dichters Giovanni Raboni wird von drei Flüchtlingen während eines Staatsstreichs erzählt. Die beiden Männer, Vater und Sohn, und die Frau des Sohnes finden Unterschlupf in einem alten Theater, später soll sie ein Lastwagen über die Grenze bringen. Nun erfahren sie, dass es Fluchtpapiere nur für zwei Personen gibt, eine(r) muss zurückbleiben. Doch keiner der beiden Männer will sich opfern. Als Intellektuelle erfinden sie immer neue Verbrämungen ihres Egoismus – bis die Frau, einst Schauspielerin einer vom Opfer der Königin Alkestis erzählenden Aufführung in eben diesem Theater, das Gerede nicht mehr erträgt: Sie verschwindet, im Selbstmord oder ins Reich der Fantasie (der wahren Freiheit?), die Männer, zwei alte neue Adams, fliehen. Ein scharfsinniges Spiel der Worte und Demaskierung, als wär’s ein Pirandello von heute. Lievi hat diese „Alcesti – o la recita dell’esilio“ als Etüde in Brescia mit nüchterner Eleganz inszeniert.

Mit beiden Erfolgen gilt der 51-jährige Regisseur nun als Favorit auch für die im Frühjahr zu entscheidende Intendanz des Mailänder Piccolo Teatro, das Luca Ronconi seit Giorgio Strehlers Tod sechs Jahre lang herabgewirtschaftet hat. Lievis Kleist aber hat einer trüben Szene ein Glanzlicht aufgesteckt.

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