Kultur : Schnabelwärts Verdruss

Ingomar von Kieseritzky berichtet in „Traurige Therapeuten“ aus dem Tier- und Menschenleben.

Christian Maintz

Für Ingomar von Kieseritzky hat Verzweiflung einen Namen: Donald Duck. In etlichen Büchern des Berliner Autors taucht Walt Disneys Enterich als Leitmotiv und Maskottchen auf. Auch in Kieseritzkys neuem Roman „Traurige Therapeuten“ begegnet er einem mehrfach kurz: So berichtet der Erzähler auf Seite 40, er habe einem Freund „einen fingerhohen Donald Duck“ geschenkt, einen „leidenden Zug um den Schnabel“.

In einem früheren selbstreflexiven Text hat Kieseritzky seine Affinität zu der Cartoon-Ikone erläutert: Donald Duck sei für ihn ein „Antiheld“ und „Underdog“, die „geschundene, immer arbeitslose, von Daisy kujonierte, von den Neffen drangsalierte, von Gustav Gans düpierte und von Dagobert Duck engagierte Existenz“. Natürlich verweist Kieseritzkys Donaldismus auch auf sein eigenes literarisches Programm: die Darstellung hanebüchener menschlicher Heimsuchungen in komischer Perspektive.

Nachdem die Romane des 1944 in Dresden geborenen von Kieseritzky während der 80er und 90er Jahre in dichter Folge erschienen waren (zuletzt „Da kann man nichts machen“, 2001), hat er sich mit dem neuen Buch elf Jahre Zeit gelassen. Das Warten hat sich gelohnt: Kieseritzkys neuer Roman ist einer seiner komischsten und galligsten. Der Protagonist und Icherzähler von „Traurige Therapeuten“ trägt den anklangsreichen Namen Arthur Singram. Er ist Schriftsteller und, seit der Absolvierung zweier Fernlehrkurse, (Tier-)Heilpraktiker. Wegen „harmloser Defekte, an denen jeder vernünftige Mensch in diesen Zeiten laboriert“, weilt er in einem Schweizer Sanatorium, wo er unter anderem an einem Manuskript zur „Geschichte des Schwachsinns“ arbeiten will.

Zwei Jahre zuvor hatte Singram von einem erkrankten Freund dessen „Berliner Praxis für verhaltensgestörte Kleintiere“ übernommen. Singrams Erinnerungen bilden insofern weithin einen Reigen skurriler Beispielfälle aus der großstädtischen Veterinärmedizin – von hypersensiblen Doggen über liebestolle Anakondas und „psychisch infirme Meerschweinchen“ bis hin zu „Frettchen in vegetativer Fehlsteuerung“.

Natürlich spiegeln die Psychosen der tierischen Patienten sämtlich das Seelenleben der jeweiligen Frauchen und Herrchen beziehungsweise des Erzählers, der überwiegend Desaster seines Lebens – nicht zuletzt solche amouröser Natur – rekapituliert. Beiläufig nutzt Kieseritzky das zoologische Sujet immer wieder, um den Therapiewahn der Gegenwart zu persiflieren. So annonciert der dilettierende Hundeheiler und Katzenflüsterer Singram auf seinem Praxisschild „Feldenkrais-Stimmarbeit, Meditationsübungen nach Graf Dürckheim, Körpererfahrung und Heilfasten, Anti-Angstlusttraining, Kreative Grenzerfahrung, Rebirthing, Overcross-feeling-Kurse, Sterbehilfe, Tierbestattung zu sozialen Preisen“ sowie „Trauerarbeit“.

Singram selbst zeigt alle Neigungen, Neurosen und Idiosynkrasien, die wir seit langem an Kieseritzkys Figuren kennen und lieben: Er plagt sich mit physischen wie psychischen, medizinisch immer exakt bezeichneten Instabilitäten (etwa „diffusen Magenbeschwerden der obstruktiven Art unter den Fittichen abdomineller Schmerzen“) und einer ausgeprägten Phobie gegen die meisten, insbesondere männlichen Mitmenschen, ist andererseits höchst impressionabel für weibliche Reize: „Mein Faible für schöne, kleine und brünette Frauen mit braunen Augen gehörte von jeher in den Tresor der vergeblichen Begierden.“

Ansonsten zieht er die Gesellschaft von Tieren vor: In seiner Wohnung beherbergt er einen blinden, zu skatologischen Monologen neigenden Ara sowie einen Kater, zwei Riesenschildkröten und etliche Kakerlaken. Im Übrigen verfügt Singram über eine breitgefächerte naturwissenschaftliche wie literarische Bildung. Er empfiehlt besonders die Lektüre Schopenhauers und Nietzsche und bekämpft seine Leiden differenziert medikamentös: „Nehme den milden Stimmungsaufheller Dogmatil, hin und wieder im Wechsel Fluoxetin und Amitryptilin.“

Sein pessimistisches Weltbild und seine düstere Befindlichkeit enthüllt Singram in seinen vielfach zoologisch präzisen, mitunter auch hemmungslos anthropomorphisierenden Tierbeobachtungen. Wenn es von der überängstlichen Dogge Miriam heißt, sie wittere überall Abgründe, kommentiert der Erzähler, sie habe „absolut recht“. Diese Ansicht bestätigt auch das traurige Schicksal der Schildkröte Melmoth, der in einem Privatzoo von einem „missgünstigen Pavian“ das linke Vorderbein abgerissen wird. Andererseits führt die Tierwelt dem Betrachter immer wieder eigene erotische Begierden vor Augen: Als der Kater Yorick seine Nase an den Brüsten einer schönen menschlichen Besucherin reibt, notiert Singram: „Wäre gern an seiner Stelle gewesen.“ Der Fall des „unmäßig masturbierenden“ Mantelpavians Arnold hingegen, der als Vorlage Jayne Mansfield-Fotos bevorzugt, veranlasst Singram zu der Bemerkung, die Schauspielerin sei nicht sein Geschmack. Und lässt sich die Flüchtigkeit und Unberechenbarkeit sinnlicher Freuden pointierter darstellen als in der Momentaufnahme des Pudels Horst? Dieser, so registriert Singram, „leckte kurz sein Gliedchen und verschlief eine kleine Erektion“.

Kieseritzky gehört nicht zu jenen Autoren, die möglichst komplexe und pittoreske Plots konstruieren, um von der Hohlheit ihrer Figuren abzulenken. Nicht zufällig zitiert er gerne Mark Twains bekanntes Diktum über Huckleberry Finn: „Wer versucht, eine schlüssige Handlung darin zu finden, wird erschossen.“

„Traurige Therapeuten“ folgt einer wie improvisiert wirkenden Perlenschnurdramaturgie: Tieranekdoten, Gespräche, auch Briefe oder Erzählungen von Nebenfiguren oder Vorfahren des Protagonisten reihen sich locker aneinander.

Kieseritzkys Bücher werden zusammengehalten durch ein in der Gegenwartsliteratur selten gewordenes Phänomen: eine markante, jeden Satz imprägnierende geistige Haltung. Sie verbindet entschieden alteuropäische Züge – Belesenheit und Melancholie – mit einem eher postmodernen Wirklichkeitszugriff: der ebenso komischen wie drastischen Dekonstruktion jeder Sinn- und Heilserwartung. Insofern verlangt die Kieseritzky-Lektüre partiell durchaus Nervenstärke. Bei aller sprachspielerischen Leichtigkeit seiner Diktion platziert der Autor mitunter auch verbale Kinnhaken wie: „Alle Menschen sind Arschlöcher, und man kann sie nicht therapieren.“

Ingomar von Kieseritzky hat mit „Traurige Therapeuten“ ein Buch von grimmiger Heiterkeit und trostloser Komik geschrieben. Kieseritzky verwandelt rabenschwarzen Pessimismus mit hellem Sprachwitz und hoher Geistesgegenwart in den Aggregatzustand eines ungemein kurzweiligen Lesevergnügens. Auch für ihn gilt ein Satz, den der von Singram geschätzte Schopenhauer mit Blick auf Heinrich Heine formuliert hat: „Hinter allen seinen Scherzen und Possen merken wir einen tiefen Ernst, der sich schämt, unverschleiert hervorzutreten.“

Insofern fügt es sich gut in das Bild des Autors Kieseritzky und das seines Helden Singram, dass er hinter den Scherzen und Possen einer amerikanischen Zeichentrickente das Tragische wahrzunehmen vermag. Eigenem Liebesungemach nachsinnend, schreibt Singram: „Ruf dir die unglückselige Liebesgeschichte aus Entenhausen ins Gedächtnis – die Affäre zwischen Donald und der zickigen Daisy; natürlich keine Affäre – er kriegt sie nicht, diese frigide Tante mit ihren dämlichen Damenkränzchen.“

Ingomar

von Kieseritzky:

Traurige Therapeuten. Roman. C.H. Beck

Verlag, München 2012. 347 Seiten, 19,95 €.

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