Kultur : Schnee - Ein Liederabend

Philipp Lichterbeck

Wahrscheinlich hat Konstantin Wecker Recht: "Der Zeitgeist und ich, wir sind zur Zeit halt a bisserl auseinander. Aber so ist das, wenn man ausdrückt, was in einem brennt." Seit vier Jahren zieht der 52-Jährige Wecker nun schon unter dem Titel "Leben in Liedern" durchs Land und spielt die Songs, die er schon seit dreißig Jahren spielt. Die Show in den Wühlmäusen am Theo ist deshalb im Grunde Weckers eigene "Best of"-Sammlung (noch bis 06. 05., 20 Uhr): ein wenig Keith Jarrets "Köln Concert" hier, ein bisschen Blues da, viel Liebe und Leiden - Leben eben. Und auch sonst bleibt sich der vom Frauenheld zum Familienvater gewandelte Wecker treu: Schön und bedeutungsvoll hämmert er auf die Tasten seines Flügels ein, verzieht das Gesicht wie zu der Zeit als er noch Hanteln stemmte und liest jede Zeile vom Blatt ab. Nur die Haare sind silbrig-grau geworden; und wenn sich Wecker zwischendrin an einen kleinen runden Tisch begibt, um harmlose Gedichte aus seiner Jugend vorzutragen, setzt er sich die Lesebrille auf die Nase. Nur anscheinend spielt es an diesem Abend keine Rolle, dass die zweijährige Haftstrafe Weckers vor wenigen Tagen endlich zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Prozess wegen Kokainbesitzes ist trotzdem präsent. Die frenetische Aufnahme Weckers ist daher als Unterstützung eines öffentlich Geläuterten und nicht anders zu verstehen. Dabei sind Weckers neue Fans die alten. Immer, wenn sie ein Lied wiedererkennen, bricht Szenenapplaus im Saal los. Man jubelt und johlt dem Meister zu, wenn er es dem Zeitgeist besorgt, auf Börsianer einschlägt und sich über Esoteriker und Alternative ("die Freiheit ist nicht alternativ") lustig macht. Denn Wecker bietet Heimat in einer heimatlosen Zeit, und die Sicherheit, dass Romantik nicht out ist. Wie gesagt, der Zeitgeist und Wecker sind halt a bisserl auseinander.

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