Kultur : Schnee macht glücklich

Denise Dismer

Das Schweigen begleitet Evy und Vera. Schweigen aus Angst, über Gefühle zu reden, die nie mehr so sein werden, wie sie waren. Weil Worte die Kluft, die zwischen den zwei Frauen liegt, noch weiter aufreißen würden. Weil die beiden zu verschieden sind. Das Liebespaar in Antje Rávic Strubels Roman "Unter Schnee" ist ein Prototyp des Gegensätzlichen: Die eine Ossi, die andere Wessi. Die eine blond, die andere brünett. Die eine Naturwissenschaftlerin, die andere Kulturwissenschaftlerin.

Hört sich an, als würde die Autorin allerlei Klischees in ihrem Roman bedienen. Und tatsächlich sind die Rollen in der Beziehung klar verteilt: Evy hat den passiven Part und lässt es klaglos über sich ergehen, tagelang in der Ferienwohnung eingeschlossen zu sein. "Sie hat Übung darin, vernünftig zu sein, als hätte sie schon die Muttermilch in kleinen, vorsichtigen Portionen getrunken." Das ist für die unruhige, unternehmenslustige Vera nicht auszuhalten. Und deshalb flieht sie, läuft hinaus in den Schneesturm, der jede Orientierung unmöglich macht. Sie unterschätzt das Ausmaß des Unwetters und wird unter Schnee begraben.

"Unter Schnee" ist der zweite Roman von Antje Rávic Strubel, die letztes Jahr in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis erhielt. Wie in ihrem Debüt "Offene Blende" erzählt sie von einer lesbischen Ost-West-Liebe. Diesmal ist sie nicht in New York angesiedelt, sondern in einem tschechischen Urlaubsort. Ein Kaff, in dem das Liebespaar die Aufmerksamkeit der Touristen und Einheimischen auf sich zieht. Die der pubertierenden Adina, die die beiden beobachtet, während sie sich küssen. Die sieht, wie sie durch den Ort laufen und "die eine der anderen einen Tee kauft, ohne ihre Hand dabei loszulassen". Faszination üben sie auf den Familienvater Oliver aus, einen unbelehrbaren Chauvinisten, der ihnen imponieren will, als er sagt "er würde gern mal zusehen; bei uns, da fehlt doch einfach ein Mann".

Der Roman besteht aus 13 Episoden, die aus unterschiedlichen Erzählperspektiven einen wechselnden Blick auf das Geschehen und die inneren Zustände der Personen ermöglichen. Gerade dieser Wechsel überrascht den Leser immer wieder. Am Anfang scheint es, als würde er mit Evy und Vera in der Enge ihrer Beziehung eingeschlossen. Jede Episode wirft neue Fragen auf und beantwortet jene, die einige Kapitel vorher offen geblieben waren.

Strubel lässt den Leser Zusammenhänge erkennen, die den Protagonistinnen verschlossen bleiben. Man erlebt Evy, die sich ein bisschen Einsamkeit wünscht. Spürt den Klumpen im Hals von Olivers Frau, den sie hat, "wenn ich früh aufwache und Traum und Wirklichkeit sich ordnen und ich dann feststelle, dass die schlimme Erinnerung nicht aus dem Traum kommt". Man fühlt die Sehnsucht des Rentners Eduard Schmidt, der Vera in Gedanken adoptiert, weil er von einer Tochter träumt.

Die Handlung hat einen ständigen Begleiter: den Schnee. Strubel kennt Schnee, der blind macht. Schnee, der Vera wegpustet. Schnee, der zu 90 Prozent aus Luft besteht. Schnee am Straßenrand, der aussieht wie Muttermilch. Schnee, der glücklich macht. In einem Schneeloch versinkt Vera, als sie während des Sturms das Haus verlässt.

Drei Stunden sitzt sie dort und ist glücklich. Fühlt sich eins mit dem Schnee. Sieht schwarz und spürt die Stille. Denkt: "welcome to the east. Gesteigertes Glücksempfinden bei sinkender Überlebenschance". Und wird schließlich gefunden, kehrt zurück zu denen, die nur die Oberfläche von Schnee kennen. Zwar verliert sich die Autorin hin und wieder in Situationsbeschreibungen, wodurch einige Passagen umständlich wirken. Doch dafür führt sie den Leser umso näher an die Protagonistinnen heran. So nah, dass man ihnen in den Kopf gucken kann. So wie sie es sicher gerne selber tun würden.

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