Kultur : Schnee von gestern

ELFI KREIS

Igor und Svetlana Kopystiansky in der Berliner ifa-GalerieVON ELFI KREISElton John blätterte einst für ein "Restauriertes Gemälde" Igor Kopystianskys 75 000 Dollar auf den Tisch des Auktionshauses Sothebys.Das war 1988 in Moskau, auf der ersten Versteigerung aktueller russischer Kunst.Damals wurde der Name des Künstlerpaares über Nacht zum Begriff.Im gleichen Jahr nahm Igor Kopystiansky an der Biennale von Venedig teil.Mit jeweils eigenständigen, stets aber gemeinsam präsentierten Werken - vor allem mit großen Rauminstallationen - hat sich das Künstlerpaar im internationalen Ausstellungsgeschehen längst etabliert. Einen Schatz hat nun die Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen geborgen.Erstmals gibt sie Einblick in das Frühwerk der Kopystianskys.Vorgestellt werden unveröffentlichte Arbeiten des russischen Künstlerpaares aus den Moskauer Anfangssjahren von 1978 bis 1983, als Begriffe wie Perestrojka und Glasnost noch unbekannt waren.Die Kopystianskys gehörten damals zur inoffiziellen Künstlerszene Moskaus.Sie konnten zwar unbehelligt arbeiten, doch gab es über den engsten Freundeskreis hinaus keine Chance, ihre Werke zu zeigen. Das Spektakuläre an der Ausstellung ist, wie überraschend unspektakulär die Werke aus heutiger Sicht wirken.Nicht auf das Sichtbare konzentriert sich das Interesse, sondern auf Versuche, für das Unsichtbare visuelle Entsprechungen zu finden.Die Auswahl stellt vorwiegend konzeptuelle Fotoserien in Schwarzweiß vor.Eine Ausnahme bilden Svetlana Kopystianskys "Weißes Album".Die weißen Blätter tragen Bildunterschriften wie "Rechte obere Ecke weiß" oder "In der Mitte ein weißer Punkt".Der Text behauptet etwas, das nicht zu sehen ist, aber auch nicht als falsch wiederlegt werden kann.Unwillkürlich denkt man an Malewitschs "Weißes Quadrat auf weißem Grund".Die russische Avantgarde liefert dem Künstlerpaar Anknüpfungspunkte für eigene Fortschreibungen. Die frühen Arbeiten Igor und Svetlana Kopystianskys erscheinen wie Grundlagenforschung zu den späteren Rauminstallationen.Damals wie heute geht es um Fragen zur Wahrnehmung.So sind von Svetlana plastische Untersuchungen zum Nichts zu sehen.Die Phasen des Entschwindens eines Eisbrockens, geometrische Positivformen aus Schnee "Kalte Figuren" in Gegenüberstellung mit deren dahingeschmolzenem Negativumriß "Warme Figuren" verweisen auf die Leere des Raums. Noch heute arbeitet jeder eigenständig.Wie Svetlana kombiniert Igor Text und Bild..Mit Serien wie "Einführung in die Ästhetik" macht er anschaulich, wie die Wahrnehmung eines Bildes bestimmt wird.Für "Namen und Dinge" kombiniert er Gegenstände des Alltags mit abweichenden Bezeichnungen.Von fern grüßen Duchamp und Magritte.Überraschend entdeckt man Parallelen zu Jürgen Klauke oder Jochen Gerz. Weit verblüffender ist das Fehlen konkreter Hinweise auf Gemäldekopien aus der Kunstgeschichte, die bei Igor Kopystianski seit 1985 eine herausragende Rolle spielen.Ob dies mit ein Grund ist, weshalb das in New York lebende Künstlerpaar den Schleier über die letzten beiden Moskauer Jahre nicht lüftet, bleibt Spekulation.Sicher aber ist, daß sie sich seinerzeit mit ihrer Kunst einen Freiraum schufen.Er war eine Insel des Rückzugs für intellektuelle und philosophische Fragestellungen, ein Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Realität.Die Beschränkung auf Requisiten des häuslichen Alltags, auf die eigene Person als Darsteller ihrer Stücke läßt zugleich Leere spürbar werden.Das Katalogbuch ergänzt die Ausstellung um Filme, situationsbezogenen Inszenierungen und dokumentiert die Grenzgänge zwischen Handlungs- und Regieanweisung, visueller Poesie sowie deren Umsetzung als Performance.Für Igor und Svetlana Kopystiansky selbst müssen Welten zwischen den Zeiten liegen, als sie ein vergammeltes Waschbecken und einen lebensgefährlich anmutenden Boiler mit Streublümchen bemalten und die zugehörige Fotofolge süffisant "Verschönerungen" betitelten. ifa-Galerie, Neustädtische Kirchstr.15, bis 26.April; Dienstag bis Sonntag 14-19 Uhr.Katalogbuch 29 DM.

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