Kultur : Schneeweiß und Rosenrot

Farbengemälde: Takeshi Kitanos „Dolls“ ist ein Märchen von Liebe und Tod

Christiane Peitz

Von Christiane Peitz

Takeshi Kitano ist ein Schlitzohr. Der japanische Regisseur, Komiker, Maler und Schriftsteller beantwortet die Frage nach den Farben in „Dolls“ wie ein trotziges Kind. Kitano-Filme würden gewöhnlich als graublau beschrieben. Aber das sei doch nicht wahr!

Also: ein knallgelbes Auto. Bunte Kostüme von Yamamoto. Was heißt Kostüme – es sind Designer-Kimonos, prachtvolle Gewänder mit Unterkleidern, Beinkleidern, Schärpen, Überwürfen. Und die vier Jahreszeiten mit Kirschblütenhain, Sommerstrand, Herbstwald, Wintergebirge. Schneeweiß und Rosenrot. Ahornlaubrot. Blutigstes Rot. Als die Straßenreiniger das Blut des Unfallopfers vom Asphalt schrubben, schäumt es auf, dass es blendet. Die Spur des Todes: ein Gemälde wie von Nitsch oder von Kiefer. Kitano verwandelt die Farben in Chiffren, in betörende Zeichen, die ihre eigene Bedeutung überstrahlen.

„Dolls“ ist ein Traumspiel, ein Roadmovie in die Unterwelt. Gewöhnlich handeln Kitanos Filme von Gewalt. Auch diesmal tritt zwar ein Yakuza-Boss auf, aber es geht um die Liebe. Um die Gewalt, die ihr innewohnt und darum, ob sie stärker ist als der Tod. Um Obsessionen und ihr egoistisches Moment, Vergeblichkeit und Verhängnis. Drei retrospektive Tragödien, die ein Triptychon bilden: Der junge Matsumoto (Hidetoshi Nishijima) liebt Sawako (Miho Kanno), heiratet auf Druck seiner Eltern jedoch die Tochter seines Chefs. Er hört von Sawakos Selbstmordversuch, eilt zu ihr und weicht nicht mehr von der Seite seiner Liebsten, die seit dem Suizid dumm im Kopf ist. Erst leben sie im gelben Auto, dann wandern sie durch die Jahreszeiten, mit einem roten Strick aneinandergebunden. Zwei somnambule, melancholische Nomaden: Untote im Yamamoto-Outfit.

In der zweiten Geschichte kehrt ein alter Yakuza-Boss (Tatsuya Mihashi) zu jener Parkbank zurück, auf der ihn vor 30 Jahren seine Geliebte erwartete. Sie sitzt immer noch da – und erkennt ihn nicht. In der dritten Geschichte sticht sich Nukui (Ktsutomu Takeshige), Fan des Popstars Haruna, die Augen aus. Seit ein Unfall ihr Gesicht entstellte, will Haruna (Kyoko Fukada) von niemandem mehr gesehen werden. Und Nukui gerät unter ein Auto...

Kitano erzählt ein Märchen von Menschen, die auszogen, um einander zu verkennen. Seine mystischen Stoffe entnimmt er der Tradition des Bunraku-Theaters. Zu Beginn des Films sieht man die schweren Puppen, die von je drei Spielern geführt werden, im Nationaltheater von Osaka. Ein Klassiker wird gegeben: Chikamatsus „Bote zur Unterwelt“, auch das eine grausame Lovestory. Eine kurze Blende, und die Puppen nehmen Menschengestalt an. Deshalb ihr statuarisches Auftreten: „Dolls“, sagt Kitano, sei von Bunraku-Puppen ersonnen. Wenn sie sich ausruhen, erzählen sie einander Geschichten wie diese.

Keine schlechte Vorstellung: dass unser Leben ein Marionettentraum ist. Eine brutal schöne, manchmal kitschige Illusion. Ja, Kitanos Naturtableaus sind mitunter kirschblütenkitschig. Aber es ist ein Kitsch, der sich der Folklore entzieht. Wegen der Rätsel: Verstehe diesen Film, wer kann. Und wegen der Akribie. Kitano besticht mit der kompositorischen Genauigkeit eines Malers. Ein Traum, hat Fellini einmal über den Grenzgang zwischen Magie und Abgrund gesagt, sei ein mathematischer Vorgang. Präzise Träume träumt das Kino heute selten genug.

Blow Up, Filmkunst 66,

Hackesche Höfe (alle OmU)

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