Kultur : Schneewittchen und ihr Nazi-Frisör

MANUEL BRUG

Kleider machen Leute - oder auch nicht: Jan Fabre kommt mit "Glowing Icons" ins Berliner Hebbel-Theater - und vollendet so seine "Trilogie des Körpers"VON MANUEL BRUGDer unbekannteste Mensch in dieser Galerie der Größen ist sicherlich Mister Gorsky.Den kannte bisher keiner, mußte man auch nicht, obwohl Neil Amstrong ihn (angeblich) bei der Mondlandung ansprach.Dafür aber ist er für einen wirklich glänzenden (natürlich unanständigen) Schlußgag gut, der selbstverständlich nicht verraten wird. Ansonsten hat Jan Fabre diesmal an nichts gespart.In einem düsteren Gelaß, das im Hintergrund die Pyramiden nebst Sphinx zeigt oder auch die transylvanischen Wälder, eine Mischung aus Museum und Wachsfigurenkabinett also, da gibt sich Elizabeth I.von England die Ehre und Cleopatra und Napoleon.Charlie Chaplin schaut vorbei, Jackie O., Graf Dracula, Dali, Andy Warhol, Schneewittchen, der kleine Prinz, Einstein, Mr.Spock und Mae West.Sie alle sind Stars der Geschichte; sehr oft amerikanische, dort werden sie eben produziert und der Welt also solche dargebracht; manche haben wirklich gelebt, andere sind erfunden; oder, wie Chaplin in Hitler-Maske, Cleopatra in Liz Taylors Filmkostüm und Schneewittchen im Disney-Look, einmal in ihrem Aussehen festgeschrieben worden.Ikonen aber sind sie auf jeden Fall, berühmt, verehrt, vergöttert, auch trivialisiert; festgefroren zu Heiligenbildern in Haltung und Kostüm: als unvergängliche Idole der Vergänglichkeit alles Menschlichen trotzend, dabei als Individuen der Allgemeinheit ausgeliefert und um ihre Geheimnisse gebracht.Bis hin zu "den Legends in Concert", die von Las Vegas bis Neukölln ein eher kümmerliches Imitatoren-Dasein führen. "Glowing Icons - Glühenden Ikonen" so nennt Jan Fabre, die eigenwilligste, als Maler, Bildhauer, Theater- und Opernregisseur, Autor und Choreograph sowie mit Ernst Jünger tauschender Käfersammler nur als Gesamtwerker faßbare Kunst-Ikone der neunziger Jahre, sein jüngstes Stück.Und während er sich bereits mit den Vier Temperamenten als Denkansatz für vier inzwischen abgeschlossene Soloprojekte mit vier seiner ausdrucksstärksten Interpreten beschäftigte, vollendete er so seine "Triologie des Körpers", der die Teile "Sweet Temptations" (1991) und "Universal Copyrights" (1995) vorausgegangen waren. Nun also die berühmten Leute - ab Samstag im Hebbel-Theater zu sehen.Während sich der erste Teil mit dem physischen, verletzten und attackierten Körper und das Mittelstück mit Geist und Seele befaßte, soll der Schlußstein nun der Erotik des Fleisches gewidmet sein.Wobei Jan Fabre besonders zu Uniform gewordenen Kleidung erotisch findet, ja fetischisiert.So sind diese Ikonen, bei denen wohlweislich ausgereizte Objekte wie Elvis oder Marilyn ausgespart wurden, nur in ihren Kostümen (wunderbar nachgeschneidert von Lies van Assche und Claudine Leliaert) also solche erlebbar.Legt Jackie ihr rosa Dallas-Chanelkostüm ab, dann ist es eben nur noch (was heißt hier aber: nur!) die wunderschöne, nackte Renée Copraij.Die Aura ist weg, Alltag bleibt. Kleider machen Leute.Keine unbedingt neue Erkenntnis.So wie sich auch diesmal Jan Fabres Mühe als sehr lustig, aber ein wenig geheimnislos erweist.Was nicht an seinen glänzenden, physisch aufregend präsenten, sich keineswegs im Imitieren erschöpfenden Darstellern liegt.Nur die Verschränkung der Stars und Sternchen, ihr Sein und Dasein, der Sinn und Zweck ihres Auftritts kommt über schnell Assoziiertes kaum hinaus.Als Einzelabend der gefälligste, eingängigste Fabre, den es je gab, mit 100 Minuten Spieldauer auch angenehm kurz.Als Teil der Trilogie (die damit komplett in Berlin zu sehen war) freilich plausibel, sanfter, weniger radikal Zuschauerbelastungen austestend. Die Ikonen ziehen ihre Show ab.Chaplin / Hitler sagt "Schtonk", Schneewittchen singt "Someday my prince will come" und läßt sich vom Großen Diktator die Beine rasieren, Janis Joplin grölt "Mercedes Benz".Sie erzählen von Wehwehchen, vom Dienst am Volk, von den Schwierigkeiten, ein Star zu sein.Andy Warhol fotografiert sie, macht sie für eine Viertelstunde noch berühmter.Sie spielen mit Weltkugel-Bällen und hören auf Draculas blutrotem Cape liegend David Bowie zu.Er singt "Fame", was sonst? An einer Sauerstofflasche suchen sie Atzung, Jahrhunderte lasten schließlich auf manchen.Mit Madame Butterfly üben sie immer wieder Harakiri, oder sie streiten sich darüber, wer wohl am berühmtesten ist.Wortfetzen überlagern sich, kommen verfremdet aus dem Off, die Protagonisten sehen ihr Abbild im spiegelnden Boden.Echo und Narziß, körperlose Stimme und unwirkliches Imago - für Fabre ebenfalls erotisch besetzt. Dieses Mal zerstört Jan Fabre kaum den Oberflächenglanz, die hermetische Schönheit, die er entfacht, ist wenig böse oder entlarvend.Nur einmal: Anthony Rizzi ist - Trümmertunten Berlins, zieht euch warm an! - die beste Mae West der Welt, originaler als das Original.Und dabei doch immer eine Spur distanziert, mokant selbstironisch mit sich und seiner Wirkung spielend.Am Schluß dann macht er Schluß mit der Show, schreit dem Publikum seine routinierten Liebeswünsche und Dankesfloskeln entgegen und demaskiert sein Idol, enttarnt es als Kostüm: ein Schwuler im Fummel eines von Schwulen geliebten Stars - mehr nicht und doch so viel.Die anderen folgen ihm, wollen den Bruch, doch kommen ein wenig zu spät.Denn Körper und Kostüm erscheinen auf einmal untrennbar miteinander verbunden. Hebbel-Theater, 28.3.bis 2.4., 20 Uhr

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