Kultur : "Schneider von Panama": Doppelt genäht hält nicht besser

Peter W. Jansen

Harry Pendel hat das Schneidern im Knast gelernt. Ins Gefängnis war er gekommen, weil er an Onkel Bennys defizitären Laden die Lunte gelegt hatte. Da die Versicherung zahlte, blieb der Onkel ewig dankbar. Auch jetzt erscheint der Tote (Harold Pinter) noch mit gutem Rat, wenn Harry in Schwierigkeiten steckt. Und das ist der Fall, seitdem Andrew Osnard, neuer Mitarbeiter der britischen Botschaft, nach Panama gekommen ist, um sich von Pendel & Braithwaite fünf Alpaka-Anzüge anfertigen zu lassen.

Osnard weiß nämlich, was niemand in Panama City weiß, auch Pendels Frau Louisa (Jamie Lee Curtis) nicht: dass es einen Mister Braithwaite so wenig gegeben hat wie dessen Londoner Nobelschneiderei. Als Geheimagent und trouble shooter wird Osnard indes sein Wissen für sich behalten und außerdem Pendels Bankschulden begleichen, sofern der Schneider des Präsidenten, der Generäle und Bankiers seine Kontakte nutzt, um die Kundschaft auszuhorchen. Pendel wäre ein schlechter Schneider, wenn er nicht auch ein guter Zuschneider - und Aufschneider - wäre. So bringt er Nachrichten von einem bevorstehenden Verkauf des Panama-Kanals wahlweise an die Japaner, Franzosen oder Chinesen, im jeweils gewünschten Maß. Und er lässt eine angebliche "Stille Opposition" wieder auferstehen, die einst unter Diktator Noriega niedergeschlagen wurde.

Zu dritt haben Andrew Davies, John Boorman und John le Carré am Drehbuch gearbeitet, und le Carré hat als ausführender Produzent darauf geachtet, dass sich der Film an seinen Roman hält. Der ist allerdings schon sehr filmisch geschrieben, souverän im Umgang mit realem wie fiktivem Material, mit Rückblenden und assoziativen Einschüben. Doch was dem Roman das Flair lässiger Könnerschaft verleiht, wirkt im Film mit oft extrem kurzen Zwischenschnitten eher schwerfällig. Es ist, als müsse er etwas beweisen, was der Zuschauer, dieser Tropf, sonst nicht begreifen würde. Doppelt genäht hält nicht immer besser.

John Boorman, seit "Point Blank" und "Deliverance" ein angesehener Thriller-Regisseur und seit "Hope and Glory" auch für die Inszenierung intimerer Stimmungen bekannt, hat den Film als eine Mischung aus Action und Kammerspiel angelegt. Panama City mit seinen Palästen und Slums, Bars und Bordellen, einem mörderischen Klima und irrwitzigem Verkehr ist nicht weniger ein Charakterdarsteller als Pierce Brosnan. Von dessen James Bond sind nur die Macho-Allüren und das Image eines höchst eleganten Widerlings übrig geblieben, während Geoffrey Rush die Klaviatur des Aufschneiderhandwerks so souverän fingert wie einst das Piano in "Shine".

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