Kultur : Schneidet mir das Kleid vom Leib!

Alles Fluxus: Die Berliner Neue Gesellschaft für Bildende Kunst widmet der umstrittenen Künstlerin Yoko Ono eine große Werkschau

Ulrich Clewing

Der Mann blickt regungslos in die Kamera. Wäre dies nicht eines der bekanntesten Gesichter des 20. Jahrhunderts, man würde ihm wohl nicht allzu viel Beachtung schenken. So aber schaut man in die starren Augen des Gegenübers und wartet, was passiert. Dazu braucht es einiges an Geduld, denn man wartet ziemlich lang. Dann fängt das Gesicht irgendwann zu lächeln an. John Lennon lächelt – was nach den endlosen Minuten der Unbewegtheit wie eine Befreiung wirkt.

Die knapp eine Stunde dauernde Produktion „Smile“ ist Teil einer Ausstellung, mit der die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst das filmische Schaffen Yoko Onos präsentiert. Abgesehen von ihren Musikvideos hat Yoko Ono seit 1964 bei insgesamt fünfzehn Filmen Regie geführt. Dreizehn davon sind nun in der Galerie der NGBK zu sehen, darunter auch jene, die ihrer Fangemeinde (und der ihres Mannes) noch nicht so geläufig sein dürften, wie „Cut Piece“ von 1965 oder die „Instructions for Films“ (1964-68).

Für die meisten ist Yoko Ono die Frau, die John Lennon liebte (im günstigen Fall) beziehungsweise die Beatles auseinander brachte (im ungünstigen Fall). Dass Yoko Ono schon vor ihrer Bekanntschaft und Heirat mit Lennon eine bedeutende und einflussreiche Künstlerin war, wollen dagegen nur die wenigsten wahrhaben. So ist diese Schau geeignet, ein weitgehend unentdecktes Bild der in New York aufgewachsenen Japanerin zu zeichnen. Bevor sie in die Geschichte des Pop einging, gehörte Yoko Ono zum Kreis um Georges Macunias, dem Mitbegründer und wichtigsten Protagonisten der Fluxus-Bewegung.

Die Fluxus-Künstler wollten konsequent gesellschaftliche Konventionen ignorieren und die Erwartungen an die Kunst ad absurdum führen. Heute mag einem manches lächerlich erscheinen, was damals Skandale auslöste; Anfang der sechziger Jahre aber hatte die Gewöhnung an permanente Provokation und Infragestellung noch nicht eingesetzt. Dabei ging es den Fluxus-Anhängern vor allem um die Schärfung von Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung und damit um eine allumfassende Emanzipation von Zwängen und Rollenmustern. Manchmal waren es sehr einfache Handlungen, die von ihnen in den Rang von Kunstwerken erhoben wurden, so auch bei Yoko Ono. Einmal zündete sie ein Streichholz an und filmte den Vorgang in extremer Nahsicht („Match“, 1966), ein andermal war ihr ein Augenzwinkern wertvoll genug, um es auf Zelluloid zu bannen („Eye-Blink“, ebenfalls 1966).

Und nicht immer waren die Plots nur harmlos: Am 21. März 1965 setzte sich Yoko Ono vor das Publikum in der New Yorker Carnegie Recital Hall, legte eine Schere neben sich und forderte die Zuschauer auf, einzeln auf die Bühne zu kommen und jeweils ein Stück ihrer Kleidung abzuschneiden. Was folgte und von Ono filmisch in „Cut Piece“ dokumentiert wurde, ist eine Eskalation ersten Ranges, die Gegenüberstellung von Individuum und anonymer Masse, eine Auslieferung an die Schutzlosigkeit. Etliche Zuschauer traten zu Ono auf die Bühne, die meisten von ihnen Männer, und schnitten ihr das Kostüm klein. Am Ende zeigt die Kamera die Künstlerin nach der Konfrontation mit dem enthemmten Auditorium, wie sie sich schamhaft und angsterfüllt die Hände vor den inzwischen trägerlosen BH hält. Jahre später griff die Performance-Künstlerin Marina Abramovic die Idee auf, und sollte noch erschreckendere Erfahrungen machen.

Natürlich gibt diese Ausstellung auch dem Beatles-Fan das Seine, zum Beispiel in dem Film „Imagine“, der von Ono anlässlich der Veröffentlichung der gleichnamigen Lennon-Platte 1971 gedreht wurde und in dem das steinreiche exzentrische Paar originellerweise ein steinreiches exzentrisches Paar spielt. Glorioser Kitsch ist auch der Film „Apotheosis“ von 1970 – eine Ballonfahrt der beiden durch einen grau verhangenen Regenhimmel zur sonnenbeschienenen Sphäre über den Wolken.

Andere Filme sind da frecher, geistreicher: In „Rape“ (1969) verfolgt ein Kamerateam eine Passantin quälend lange 77 Minuten, wie schon bei „Cut Piece“ die Dokumentation einer beklemmenden Eskalation, welche in Schreie und Verzweiflung und einen Beinahe-Autounfall mündet. In „Freedom“ von 1970 versucht eine Frau, ihren BH zu zerreißen. Es gelingt ihr nicht, und obwohl der Film nur eine gute Minute währt, kann man nicht anders, als darin einen Kommentar zur verhinderten Selbstbestimmung der Frau erkennen.

Sexuelle Restriktion und die Befreiung davon war bereits Jahre vorher Thema eines Films von Yoko Ono gewesen: Für „Bottoms“ von 1966 wurden Hunderte von Männern und Frauen vor die Kamera bestellt, die auf einer eigens konstruierten Vorrichtung ein paar Schritte gehen sollten. Das Besondere dabei: Während des Gehens war ihr Hinterteil entblösst, ein Umstand, der die Sittenwächter so faszinierte, dass sie „Bottoms“ prompt verboten. Aber die Verhältnisse haben sich geändert: Die Bottoms aus „Bottoms“ gibt es mittlerweile auch als Tapete. Die ganze NGBK-Galerie ist Wand für Wand damit bedeckt.

Täglich 12-18.30 Uhr, bis 6. Juli. Vom 19. bis 25. Juni zeigt das fsk-Kino jeweils um 18 Uhr Filme von Yoko Ono.

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