Kultur : Schneller als der Tod

Abschied vom Mossad: „Walk on Water“

Hans-Jörg Rother

„Leise zieht durch mein Gemüt / Liebliches Geläute“: Heines Verse in der Vertonung von Robert Schumann erklingen im Abspann. Was hat der israelische Geheimdienst Mossad, insbesondere die mit Personenvernichtung beauftragte Abteilung, mit Poesie zu tun? Nichts, den Tod kann man nur mit eiskaltem Herzen planen. Aber wie ein Mensch frei wird zur Liebe, davon handelt Eytan Fox’ Film.

Eytan Fox, Berlinale-Besuchern durch seinen Liebesfilm unter Soldaten „Jossi und Yagger“ von 2003 bekannt, wagt viel in „Walk on Water“. Er zeigt, wie am Schreibtisch des Mossad ein Mordplan beschlossen wird. Das Opfer, ein Nazi-Verbrecher, wird ohnehin bald sterben. Wir müssen schneller sein als der Tod, schärft der Mossad-Offizier seinem besten Mann ein. Auch der Offizier ist ein alter Mann. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ein anderes Prinzip kennt er nicht. Eyal (Lior Ashkenazi) ist noch jung. Vor Tagen tötete er in Istanbul einen Hisbollah-Aktivisten mit einer Giftspritze. Aber der Selbstmord seiner ehemaligen Frau lässt ihn nicht los. „Wo du hinkommst, hinterlässt du eine Leiche“, stand in ihrem Abschiedsbrief.

Der 1964 in New York geborene israelische Regisseur hat zwei Themen: sein Land und die Homoerotik. Darum outet er die Figuren gern im staatspolitischen Dienst: Armee, Mossad. Dort bedeutet die Neigung Gefahr. In Eyal erwacht die Liebe, als er den jungen Axel Himmelman bei dessen Reise durch Israel begleitet und auf einen Hinweis zum Verbleib von dessen Großvaters lauert. Die beiden Männer beim Duschen, eine verführerische Situation für den Agenten. Aber der Regisseur will seine Hauptfigur lieber heterosexuell sehen. Nicht die versteckte Neigung zu Axel, sondern das Schuldgefühl gegenüber seiner toten Frau bringt ihn am Ende, als er dem Ziel in Berlin ganz nahe ist, vom Mord ab. Im Epilog sehen wir ihn als glücklichen Familienvater.

„Walk on Water“ zielt ins Herz des israelischen Selbstverständnisses. Der Film zeigt, wie die Jagd auf verbrecherische Nazis sich längst zu einer Racheaktion jenseits der Rechtsstaatlichkeit verselbstständigt hat. Er lässt aber auch an die Ausschaltung palästinensischer Gegner mittels gezielter Tötungen denken. „Walk on Water“ ist ein eminent politischer und dabei sehr menschlicher Film. Er verteufelt niemanden, nicht einmal Eyals Auftraggeber im Mossad. Aber er sucht einen Ausweg. Wer liebt, kann zwar nicht über das Wasser gehen wie Jesus, worauf der Titel anspielt, aber er findet vielleicht einen Menschen, der ihm die Hand reicht.

FT am Friedrichshain, Kurbel, Xenon, Babylon (OmU)

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