Kultur : Schneller erben

LESUNG

Steffen Richter

Manchmal gleicht die Organisations- Jurte im Berliner Sony-Center einem Flughafenterminal:. Da wird gedrängelt, um noch einen Platz für die Lesung am nächsten Tag zu ergattern, alles ist belegt, sogar die Wartelisten quellen über. Claudia Rusch war am Sonntagabend mit ihrer Lesung aus „Meine freie deutsche Jugend“ ein sicherer Jurtenfüller. Sie legt Wert darauf, dass alles an ihren ostdeutschen Kindheits- und Jugenderinnerungen authentisch sei. So muss sie sich nicht an literarischen Ansprüchen messen lassen. Denn Literatur will Ruschs Buch gar nicht sein. Und es signalisiert: Diese DDR ist keine erfundene.

Rusch ist um Gelassenheit bemüht. Sie ist nicht nachtragend. Aber auch nicht versöhnlich. Vor allem liest sie solche Episoden, in denen die Staatssicherheit der Dissidentenfamilie nachstellt. Hier gibt es nicht den furor melancholicus, der in vielen ostdeutschen Es-war-janicht-alles-schlecht-Wohlfühlbüchern tobt. In Ruschs DDR versuchen Eltern, ihren Kindern das richtige Leben im falschen beizubringen. Und doch müssen sie ihnen begreiflich machen, wann sie das falsche mitzuspielen hätten – und sei es, um die eigene Großmutter der Stasi-Spitzelei zu verdächtigen. Ruschs Lesung passt also zum Thema „Familienbande“, unter das Programmplanerin Britta Gansebohm den 3. Berliner Wintersalon gestellt hat. Mindestens 4000 Zuhörer kamen diesmal zu den mongolischen Jurten am Potsdamer Platz. Nicht ganz so viele wie bei den Fußball- oder Tour-de-France-Übertragungen am gleichen Ort. Aber irgendwie ganz anders schön.

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