Kultur : Schneller ernten

Abschiedstournee: Kulturstaatsministerin Christina Weiss legt letzte Grundsteine

Christina Tilmann

Kaiserwetter hätte man früher sicher gesagt. Kulturstaatsministerinnenwetter herrscht heute. Die Sonne strahlt, die frisch restaurierten Fassaden leuchten, und alle Beteiligten lächeln zufrieden, als vor der Kulisse von Schloss Sanssouci der mühsam ausgehandelte Verlängerungsvertrag über das von Bund, Berlin und Brandenburg getragene Finanzierungsabkommen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten bis 2008 unterzeichnet wird. Ein „königlicher Gastgeber“ sei die Stiftung immer gewesen, sagt Kulturstaatsministerin Christina Weiss – und ist gerne zu Gast.

Christina Weiss fährt in diesen späten Sommertagen die voraussichtlich letzte Ernte ihrer zweieinhalbjährigen Arbeit als Kulturstaatsministerin ein. Ein Erfolgstermin jagt den nächsten. Und sie mag im Gespräch noch so sehr betonen, dass es nur die übliche Sommerreise sei, und seit Januar geplant: So kurz vor den Neuwahlen erscheint jede Amtshandlung in besonderem Licht.

Doch der Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Geradezu auffällig häufen sich in diesen Tagen die Grundsteinlegungen, Übergaben, Einweihungen und Vertragsunterzeichnungen, an denen Christina Weiss teilnimmt. Während Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Kunst-Termin nach dem nächsten ansetzt, reist seine Kulturstaatsministerin durch die ostdeutsche Provinz und setzt die letzten ersten Spatenstiche.

Kleiner Auszug aus dem Terminkalender, letzte Augusttage: Start der Sanierungsmaßnahmen für Schloss Friedenstein in Gotha, wo 800000 Euro allein im Jahr 2005 zur Verfügung gestellt werden. Ein erster Spatenstich an der Moritzburg in Halle, wo ein 13 Millionen Euro teurer Erweiterungsbau ab 2008 Sammlungsteile aufnehmen soll. Vorstellung des neuen Gebäudes des Bundesarchivs in Dahlwitz-Hoppegarten (11 Millionen Euro). Am gleichen Tag Vorstellung der Machbarkeitsstudie für den Berliner Schlossplatz (geschätzte Kosten 750 Millionen Euro). Gestern dann die Unterzeichnung des Finanzierungsabkommens in Potsdam, das auch die Königs-Schlösser Paretz, Oranienburg und Schönhausen in die Stiftung aufnimmt, verbunden mit einem Zusatzgeschenk von 150000 Euro für die Restaurierung der Holztore am historischen Weinberg von Sanssouci. Und am Freitag nimmt Christina Weiss an der Wiedereröffnung der Felseninsel „Stein“ samt künstlichem Vulkan im Wörlitzer Schlosspark teil.

Es sei normal, so Weiss, dass nach drei Jahren erste Erfolge zu vermelden seien. Die Novellierung des Filmförderungsgesetzes, die Medienfonds, die Reform der Deutschen Welle zählen dazu. Doch vieles bleibt auf halbem Wege stecken: Ungelöst sind die Probleme des deutschen Theatersystems samt seiner verkrusteten Tarifstrukturen sowie der Berliner GedenkLandschaft mit ihrem geplanten Stiftungsdach, von auswärtiger Kulturpolitik wie den „Beutekunst“-Verhandlungen gar nicht zu reden. Ein weiteres Jahr hätte vielleicht den Durchbruch gebracht: Für den Herbst stehen neue Verhandlungen an.

Der in diesen Punkten unbefriedigende Zwischenstand ist zweifellos der verkürzten Legislaturperiode wie den von den Vorgängern übernommenen unvollendeten Aufgaben geschuldet. Groß ist der Spielraum ohnehin nicht, den das föderal verfasste Land einer Bundeskulturpolitik lässt, und schnell ist er ausgeschöpft. Oder ist es doch auch eine Frage der Persönlichkeitsstruktur?

Christina Weiss hat weder Michael Naumanns unbändiges Temperament noch die ordnungspolitische Fixierung eines Julian Nida-Rümelin, ihrer beiden Vorgänger. Auch nicht die exzentrische Auffälligkeit, mit der die Rektorin der Viadrina-Universität von Frankfurt/Oder, Gesine Schwan, sich als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt empfahl. Weiss’ großes Plus, von Verhandlungspartnern immer wieder mit Dankbarkeit vermerkt, ist das glaubhafte Interesse an ihrem Metier, ihre aufrichtige Begeisterung bei Theaterpremieren wie bei Ausstellungseröffnungen: Niemals vermittelt sie, wie etwa ihr Berliner Amtskollege Thomas Flierl, den Eindruck, bloße Pflichttermine zu absolvieren.

Doch alle Liebe zur Kultur konnte nicht verhindern, dass sie sich zu oft die Rosinen aus dem Kuchen hat stehlen lassen: von ihrem Vorgesetzten Gerhard Schröder, der in Kulturdingen gern selbst seine Duftmarke setzte, zuletzt auch von Manfred Stolpe, der als zuständiger Bauminister in der Frage der Schlossplatzbebauung nach vorn preschte. Etwas mehr Provokation, Mut und Auffälligkeit hätten dem Amt wie seiner Inhaberin gut getan, mehr Streit, mehr Diskussion, mehr Kontroverse. Doch Christina Weiss sah sich, von den Diskussionen über die Berliner RAF-Ausstellung bis zur Palast- und Schlossdebatte, als Moderatorin, nicht als Provokateurin. Und wirkt im Rückblick eher blass.

In Sanssouci verewigt sich die Kulturstaatsministerin übrigens auf besondere Art. Sie überreicht Hartmut Dorgerloh, dem Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, einen Farbeimer für den neuen Anstrich der Weinbergtüren. Der Farbton: Preußisch Weiss.

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