Kultur : Schneller heilen

Paprika Steen als überforderte Mutter: Jesper Nielsens „Okay“

Jens Mühling

Ein Kommunikationswunder ist diese Frau, eine Meisterin des Multi-Taskings. Wofür anderen Menschen ein Leben nicht ausreicht, das erledigt Nete zwischen Tür und Angel: Blumen gießen, Joghurt löffeln, Waschmaschine programmieren, der Tochter den Kopf zurecht rücken und dem Mann die Selbstzweifel ausreden, das geht alles in einem Atem, wird ruck-zuck abgehakt zwischen zwei Zigarettenzügen. Als emotionales Rollkommando spielt diese Frau ihre komplette Familie an die Wand, als überenergische Mutter dominiert Schauspielerin Paprika Steen einen ganzen Film: In Jesper Nielsens „Okay“ ist die Dänin nach Auftritten in Lars von Triers „Idioten“ und Thomas Vinterbergs „Fest“ erstmals in einer Hauptrolle zu sehen. Ein wahrhaft furioses Debüt.

Dabei gibt sich Nielsens Tragikomödie eher verhalten: Die ganz großen Konflikte werden hier nicht verhandelt, eher die mittleren Fährnisse des Alltags, das fahrige Tagesgeschäft der Mittelmäßigkeit. Da ist Netes Mann Kristian, ein Lehrer und verhinderter Schriftsteller, der noch nie eine Geschichte zu Ende geschrieben hat. Da ist die pubertierende Tochter, die mit enervierender Konsequenz daran glaubt, ihre Zahnklammer hindere sie an der Persönlichkeitsentfaltung. Netes schwuler Bruder Martin plagt sich mit Vaterkomplexen und einem krankhaften Hygienebedürfnis herum, und mittendrin ist Nete, die alles und alle mit eisernem Griff zusammenzuhalten versucht. Und die schließlich auch noch den todkranken Vater ins Haus holt, den sie eigentlich nicht leiden kann: Aber er gehört ja zur Familie, man lässt einen alten Mann nicht alleine sterben, es muss ja sein.

Muss es sein? Ein bisschen viel ist das schon, was diese Mutter ihrem rigiden Familienmanagement zutraut: Wie sie Herzen heilen will mit hingeworfenen Halbsätzen, alles dem gesunden Menschenverstand unterwirft und jedem ihr halsbrecherisches Tempo aufnötigt. Wie sie Vater und Bruder zusammen in ein Zimmer sperrt, damit sich die beiden nach jahrelangem Schweigen endlich aussöhnen: Genau fünf Minuten reicht Netes Geduld, dann reißt sie entnervt die Tür wieder auf. „Ihr solltet doch reden!“

Zwanghafte Kommunikation ist nicht jedermanns Sache, und so muss Nete erleben, wie sich die Familie nach und nach ihrem Zugriff entwindet: Der Mann verfällt einer Studentin, die rebellische Tochter findet einen Verbündeten in Netes grantelndem Vater, und der will plötzlich gar nicht mehr ans Sterben denken. Im Gegenteil: Der notorische Nörgler setzt sich fest in Netes bröckelnder Familienidylle. Alles ziemlich verfahren – aber nicht aussichtslos.

Filmkunst 66, Filmpalast, Filmtheater am Friedrichshain, fsk, Hackesche Höfe

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