Kultur : Schneller malen

Auf in die Großstadt: Drei Ausstellungen erinnern an die Kunst-Pioniere

Nicola Kuhn

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IM ZENTRUM

E. L. Kirchner, „Potsdamer Platz“, 1914

Es ist der Vorabend des Ersten Weltkriegs, und man tanzt auf dem Vulkan. Vor allem am Potsdamer Platz: Die zentrale Straßenkreuzung Berlins ist Symbol der modernen Großstadt, Flaniermeile und intellektuelles Zentrum mit dem „Café Josty“ und dem „Haus Vaterland“. Nachts wird sie zum Mittelpunkt des Amüsierbetriebs. Auch die zugezogenen Brücke-Maler sind fasziniert vom Großstadt-Treiben, vor allem Ernst Ludwig Kirchner, der den Berliner Huren und Flaneuren in seinen kühn-expressionistischen Bildern Denkmale gesetzt hat. Das Gemälde „Potsdamer Platz“ von 1914, von der Nationalgalerie erst 1999 für 18 Millionen Mark angekauft, ist sein Hauptwerk und wird im Zentrum der Brücke-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie stehen. Die trauernde Witwe auf dem Bild ist wahrscheinlich die Verkleidung einer Prostituierten – und gleichzeitig ahnungsvoller Ausblick: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet Kirchner sich zum Militärdienst nach Halle an der Saale, wird jedoch schon nach zwei Monaten aus dem Dienst entlassen. Der psychische Schock wird sein Leben bis zu seinem Tod 1938 überschatten. til

Gänzlich unspektakulär hat es begonnen und gilt doch heute als eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Kunst im 20. Jahrhundert: Am 7. Juni 1905 schlossen sich in Dresden vier Architekturstudenten zusammen. Mit ihrer Künstlergemeinschaft, der sie den Namen Brücke gaben als Zeichen des Aufbruchs zu neuen Ufern, legten sie den Grundstein des deutschen Expressionismus. Gemeinsam hatten sich Fritz Bleyl, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff auf die Fahnen geschrieben, „unmittelbar und unverfälscht wiederzugeben, was zum Schaffen drängt“. Das war eine Kampfansage an den Akademismus, eine Attacke auf die „wohlangesessenen älteren Kräfte“.

Die vier der ersten Stunde, deren Kreis sich bald um Max Pechstein, Emil Nolde, Otto Mueller, am Ende auf zwölf Mitglieder erweiterte, strebten nach einer Kunst der Lebensintensität, in der sich das Gesehene in Farbe und Form verdichten sollte. Gegenseitig trieben sie sich an zu Viertelstunden-Akten, bei denen das Modell alle 15 Minuten seine Position wechselte. Immer stärker verdünnten sie ihre Farben mit Firnis, sogar Benzin, um die zähe Ölmalerei zu beschleunigen. Zu ihren berührendsten Werken gehören jene spontanen Bilder der 15-jährigen Fränzi, Lieblingsmodell der Brücke-Maler, wie sie sich auf dem Sofa räkelt oder mit Freundinnen der Maler am Wasser tummelt. Doch bald schon wurde den Unruhegeistern das beschauliche Dresden zu eng, es zog sie ins umtriebige Berlin. Dort reifte ihre Kunst zwar durch den Rhythmus der Großstadt, wurde spröder, eckiger, aber die Gruppe zersprengte es schon bald. Den Umzug 1911 überdauerte die Gemeinschaft nicht lange; keine zwei Jahre später löste sie sich auf, und jeder ging seiner eigenen Wege.

Der große Brücke-Erfolg bahnte sich schon in den Berliner Jahren an. Von hier aus knüpften die Künstler ihre wichtigsten Verbindungen zu Kunsthändlern, Museumsleuten, Sammlern. Der Expressionismus begann sich durchzusetzen und eroberte nach dem Zweiten Weltkrieg auch den internationalen Markt. Die Preise liegen heute in Millionenhöhe. Ein Jahrhundert nach dem denkwürdigen Gründungsdatum erinnern nun bundesweit über ein Dutzend Museumspräsentationen an das Schaffen dieser außergewöhnlichen Künstlergruppe. Allein in Berlin sind drei große Ausstellungen zu sehen: Auf den Jahrestag genau eröffnet die Neue Nationalgalerie ihre große Brücke-Schau mit Werken aus den eigenen Beständen. Die Ausstellung im Mies-vander-Rohe-Bau erfährt ihren besonderen Reiz durch die Ergänzung mit Werken, die einst der Nationalgalerie gehörten, aber durch die Aktion „Entartete Kunst“ im Dritten Reich verloren gingen. Die Ausstellung würdigt vor allem die Idee des Gesamtkunstwerks und zeigt nicht nur Bilder, sondern auch Stoffe, Möbel, Schmuckgegenstände und Glasmalereien, mit denen sich die Künstler in ihren Ateliers umgaben.

Als Ergänzung präsentiert das Brücke-Museum seine Schätze „Früher Druckgrafik“. Im Herbst zieht die Berlinische Galerie mit der zuvor in Madrid und Barcelona gezeigten Schau „Künstlergruppe ,Brücke’, 1905 bis 1913“ nach. Während Berlin ein regelrechtes Brücke-Jubiläumsjahr zelebriert, gibt sich Dresden bescheiden. Die große Ausstellung war dort vor drei Jahren zu sehen. Geplant ist ein Kongress, gefeiert wird mit selbst aufgesetztem Wacholderschnaps – wie einst in Brücke-Tagen.

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ARKADIEN

Otto Mueller, „Badeszene mit

vier Figuren“, Lithografie, um 1914

Am Strand liegen, die Sonne genießen und den Booten zuschauen: Als Otto Mueller seine „Badeszene mit vier Figuren, Haus und Boot“ zeichnete, war das keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil: Die Sehnsucht nach einem ungezwungenen, naturverbundenen, „ursprünglichen“ Beieinander von Mann und Frau bedeutete um 1914 einen Tabubruch erster Güte. Nackte Haut zu zeigen, war allgemein verpönt. Mueller, 1874 in Schlesien geboren, war etwas älter als die übrigen Brücke-Maler. Zwar hatte er wie seine Freunde in Dresden studiert, doch stieß er erst nach deren Berlin-Umzug 1910 offiziell zur Gruppe. Unbekleidete Mädchen im Wald oder an den Ufern der Moritzburger Seen waren sein bevorzugtes Motiv: Einige seiner besten Bilder werden heute im Berliner Brücke-Museum aufbewahrt, das seit der großzügigen Schenkung Karl Schmidt-Rottluffs 1964 als eines der Zentren des Expressionismus in Deutschland gilt. Dass es sich bei der „Badeszene“ um eine Lithografie handelt, ist kein

Zufall: Die Wiederbelebung grafischer Drucktechniken – neben dem Steindruck vor allem der Holzschnitt – war ein Hauptanliegen der Brücke-Künstler. U.C.

– Brücke-Museum, Bussardsteig 9, 4. Juni bis 11. September

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DIE EXOTEN

Erich Heckel,

„Badende mit Tuch", 1913

Die Kunst der „primitiven Naturvölker“ Ozeaniens und Schwarzafrikas offenbarte den Brücke-Künstlern einen scheinbar unverfälschten Zugang zur künstlerischen Kreativität. Kennen gelernt hatten sie die exotischen Bildwelten allerdings über einen kleinen Umweg: 1906 wurden in Dresden „Tahiti“-Gemälde von Paul Gauguin ausgestellt. Nicht nur Gauguins dekorativer Flächenstil beeindruckte; seine Sehnsucht nach irdischen Paradiesen traf den Nerv der stadtflüchtigen Malerfreunde. Nolde konnte schließlich 1913 in die Südsee pilgern, Pechstein im Jahr darauf nach Palau. Den Daheimgebliebenen diente das Völkerkundemuseum Dresden dafür als wichtige Quelle. Fast alle Brücke-Künstler haben sich mit plastischen Experimenten beschäftigt, die sich an der von Sammlern schon damals hoch geschätzten „Negerskulptur“ orientierten, ohne diese direkt nachzuahmen. Heutigen künstlerischen Doppelbegabungen wie Georg Baselitz sind sie darin nur bedingt vergleichbar, denn Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein waren Maler-Bildhauer,

die ihren ganzheitlichen Gestaltungsanspruch gleichwertig in

Gemälden, Grafiken und Skulpturen, ja sogar in kunsthandwerklichen Entwürfen realisierten. Erich Heckels nur 52 Zentimeter hohe, aus einem einzigen Holzblock gearbeitete und farbig gefasste

„Badende mit Tuch“ von 1913 gehört in ihrer unbeschwerten Sinnlichkeit zu den skulpturalen Hauptwerken des Berliner Brücke-

Museums. Während der Jubiläumsausstellung wird sie in der

Berlinischen Galerie zu bewundern sein, die selbst nur relativ

wenige Werke der Brücke-Künstler besitzt. zaj

– Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 2.10. bis 15.1.

DER NEUE WESTEN

E.L.Kirchner: „Straße am

Stadtpark Schöneberg“, 1912/13

Der „Neue Westen“ sah in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg enormes Wachstum. Die – bis 1920 selbstständige – Stadt Schöneberg leistete sich als eine der ersten Städte Europas eine U-Bahn: die Linie vom Nollendorfplatz bis zum Innsbrucker Platz. Kirchner hat zwei Motive aus diesen Teilen Berlins festgehalten – den Nollendorfplatz als quirliges Vergnügungszentrum und die beschaulich-gutbürgerliche „Straße am Stadtpark Schöneberg“ (1912/13), eines der größten Formate seines damaligen Werks. Die Berlinische Galerie holt es vorübergehend wieder in die Stadt. Im Rücken hat der Maler die Brücke der Innsbrucker Straße über den 1910 geschaffenen Stadtpark. Kirchner zeigt die Straße mit Blick Richtung Ringbahn; und tatsächlich ist in der Bildachse der Rauch einer Lokomotive der damals noch dampfbetriebenen Stadtbahn zu erkennen. Das im zurückhaltenden Stil der Zeit errichtetete, gerundete Eckhäuserpaar wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört; an seiner Stelle erhebt sich heute zur Linken ein Gebäude von Hinrich Baller, rechts ein gesichtsloser Neubau der Nachkriegszeit. Ungewöhnlich für Kirchners Œuvre ist die ganz auf die Grautöne von Straße und Häusern abgestimmte Farbigkeit. Umso stärker springen das Grün der Parkpflanzen am – heute wiederhergestellten – Brückenkopf sowie auf der Straßenmitte ins Auge, ebenso wie das kräftige Blau des Himmels. BS

WOHNEN UND ARBEITEN

Kirchners Atelier in Friedenau, 1914

Bis Oktober 1911 war ein Brücke-Mitglied nach dem anderen aus Dresden ins „unerbittliche Berlin“ (Pechstein) umgezogen. Und doch verharrten die Künstler mit ihren Wohnstätten vor den Toren der Stadt. Alle bezogen sie nur wenige Fußminuten voneinander entfernt Quartier, in den eher bürgerlichen Bezirken Friedenau, Schöneberg, Steglitz und Wilmersdorf. Die hier entstandenen Gemälde hängen heute in den Museen der Welt, an die Einrichtung ihrer Studios aber erinnern nur wenige erhaltene Fotografien. Sie dokumentieren den exotischen Stil, in dem sich die Künstler einrichteten. Aus Kisten bauten sie sich Möbel, aus bunt

gebatikten Tüchern schufen sie Wandbehänge, dazu arrangierten sie die von eigener Hand geschnitzten Skupturen. Die Verquickung von Kunst und Leben war ein Versuch, die Idee des Gesamtkunstwerks in den eigenen vier Wänden zu verwirklichen. In der Neuen Nationalgalerie wird nun erstmals das Kirchner-Atelier in Friedenau mit der originalen Innenausstattung rekonstruiert. So lässt sich besser an die dort einst gefeierten Feste erinnern. NK

DIE GLORREICHEN VIER

Ernst LudwigKirchner, „Die Künstlergemeinschaft“, 1925

Das Bild entstand zwar über ein Jahrzehnt nach der Brücke-Auslösung, aber es versammelt einige der wichtigsten Protagonisten: Otto Mueller, Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff (v.l.). Als „entartete Kunst“ ging das Werk der Berliner Nationalgalerie im Dritten Reich verloren, nun kehrt es zur großen Brücke-Ausstellung gastweise wieder zurück. NK

– Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, 7. Juni bis 11. September

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