Kultur : Schneller Zuschlag

Michaela Nolte

"Zu mir kommen die Leute nicht, um gesehen zu werden, sondern um zu kaufen". Unter diesem Motto gab Irene Lehr das Tempo ihrer 14. Auktion vor: Bei über 600 Losen in fünf Stunden benötigte sie pro Aufruf weniger als 30 Sekunden - abzüglich einer Kaffeepause und inklusive der Glückwünsche für die Zuschläge, von denen bereits 75 Prozent am Ende der Auktion verbucht werden konnten. Trotz ihrer Geschwindigkeit fand die promovierte Kunsthistorikerin noch Trost für einen Herrn im Saal, der Christian Rohlfs reduzierte Kreidezeichnung "Allendorf an der Werra" für 2100 Euro einem Konkurrenten überlassen musste: "Sie haben ja schon den Baumeister." Gegen einen Telefonbieter konnte der Berliner Privatsammler die Zeichnung aus dem Spätwerk mit 10 500 Euro und leicht über der oberen Taxe zuschlagen. Der Münchener Handel sicherte sich Baumeisters fantastischen Farbsiebdruck "Phantom (I)" von 1951 für 6600 Euro.

Bei Preisen, die schon an den Sommerschlussverkauf erinnern, überschritt einzig Curt Querners "Kinderkarneval im Erzgebirge" die 20 000 Euro-Marke. Nach einem spannenden Gefecht geht die eigentümlich leuchtende Szenerie des Dresdner Realisten für 24 000 Euro zurück nach Dresden. Selbige Privatsammlung erwarb auch Joseph Hegenbarths um 1928 datiertes "Dresdner Literatencafé" für 14 000 Euro. Gleich sechs Telefonbieter steigerten Querners 1967 aquarelliertes "Selbstbildnis mit Pinseln, Baskenmütze und dunklem Pullover" von ursprünglichen 1500 auf 5000 Euro. In den günstigen Regionen bewegten sich Originale und Grafiken des im letzten Jahr verstorbenen Berliner Malers Arno Mohr. Eine wahre Fan-Gemeinde von 13 Bietern wetteiferte um 30 aufgerufene Lose. Eine "Märkische Winterlandschaft mit Krähe" und zartem Pastellstrich bildete mit 1500 Euro die preisliche Spitze.

Ebenso heiß umkämpft waren 29 grafische Blätter von Gerhard Altenbourg. Die 1950 entstandene Lithographie "Tier der Anfechtung" sicherte sich ein Leipziger Museum für 1600 Euro. Wunderbar rohe wie poetische Holzschnitte lagen um 1000 Euro, die siebenfarbige "Ariadne" ging für 1900 Euro in Dresdener Privatbesitz. Vervierfacht wurden die Erwartungen für George Rickeys "Eins aufwärts, eins schräg nieder" von 1975. Mit 18 000 Euro erzielte die kleine Edelstahlskulptur den zweithöchsten Preis des Nachmittags. Ansonsten erfreuten sich Skulpturen wenig Beliebtheit: Zwei Bronzen von Fritz Cremer gingen ebenso zurück wie Volkmar Haases Stahl-Holzskulptur und Renée Sintenis "Selbstbildnis". Allein ein marmorner "Kleiner verschnürter Kopf" von Rainer Kriester stieg mit 2200 Euro auf etwas mehr als das Doppelte.

Erwartungsgemäß spannend fielen die Bietergefechte um Hermann Glöckner, den Dresdner "Patriarchen der Moderne", aus. Die 1959 entstandene Collage "Gefaltete Streifen und goldene Scheibe" stieg von 10 000 auf 15 000 Euro, geboten von einem Frankfurter Privatsammler. Zwei Faltgrafiken von 1977 konnten die Taxe von 600 Euro verdreifachen, respektive nahezu fünf Mal übersteigen. Das Gesamtvolumen von knapp 420 000 Euro übertrifft das bislang höchste Ergebnis vom Herbst 2000 und Irene Lehr kann beruhigt noch dem Nachverkauf entgegensehen.

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