Kultur : Schnellste Indianerin der Welt

Im Kino: Anthony Hopkins als Biker-König

Kai Müller

Er schläft in seiner Werkstatt. In einem Regal liegen Kolben, Zylinder und Wellen, die er selbst gegossen hat. „Offerings to the God of Speed“ steht darunter, Opfergaben an den Gott der Schnelligkeit. Im Morgengrauen, während die Nachbarn noch schlafen, schiebt Burt Munro in Invercargill, Neuseeland, das Gefährt, für das ihn alle bemitleiden, vor die Garagentür und wirft die Maschine an. Es knarzt und scheppert, dann ist ein bestialisches Röhren zu vernehmen, das die Wände erzittern lässt. Munro ist weit über Sechzig. Sein halbes Leben schraubt er an dem Motorrad herum, einer Indian Scout von 1920. Mit ihm will er einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen.

„The Worlds fastest Indian“ heißt Roger Donaldsons Hommage an den schrulligen Tüftler im Original, was deutlicher als der deutsche Verleihtitel „Mit Herz und Hand“ sagt, dass es in diesem Film um Höchstleistung geht und die Besessenheit, die es wohl braucht, mit über 200 Meilen in der Stunde über den harschen Grund der amerikanischen Salztonebene zu rasen. Anthony Hopkins spielt den Motorradnarren Munro mit packender Vitalität. Das Alter ist an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Sein Rücken schmerzt, die Bewegungen haben an Geschmeidigkeit verloren. Und dass er eine Herzschwäche hat, weiß Hopkins immer wieder so virtuos einfließen zu lassen, dass man den Geschwindigkeitstraum des Helden für dessen letztes Verhängnis hält.

Trotzdem inszeniert Roger Donaldson („Die Bounty“, „No Way Out“, „Getaway“) die Suche nach der Leistungsgrenze seines Protagonisten nicht als wildes Action-Drama. Sondern eher als Donquichotterie, als das Stationenepos eines raffinierten Einfaltspinsels, dessen größtes Glück ist, dass er keine Angst hat – vor niemandem. Dieser Furchtlosigkeit bedarf es auch in dem Amerika der späten Sechziger, das der gebürtige Australier Donaldson als abweisendes, exotisches Land auferstehen lässt. Missmutige Zollbeamte, arrogante Taxifahrer und ein Rennkomitee, das den neuseeländischen Kauz wegen technischer Details abwimmeln will. Sie alle erobert Munro mit seinem kantig-großväterlichen Charme.

Der Film, gedreht nach den Reiseerinnerungen des wirklichen Burt Munro (1899–1978), ist eine One-Man-Show für Hopkins. Nach dem „Menschlichen Makel“ schnitzt er erneut am krummen Holz eines sich dem Alter widersetzenden Eigenbrötlers, der so reich ist an Einfällen, Kniffen und Sehnsüchten, aber keine Zeit mehr hat. Dabei fehlt dieser Figur die verklemmte innere Spannung von Hopkins’ sonstigen Filmtypen („Schweigen der Lämmer“, „Nixon“). Sogar Sex hat dieser Lederjackenkerl noch. Wobei die Vertraulichkeit mit Damen seines Alters einen freimütigen Liebreiz entwickelt.

Das Kino passt sich der demografischen Entwicklung an, es entdeckt die Alten. Ob mit „Boynton Beach Club“ oder „In den Süden“ – Senioren erobern mit eigenen Stoffen die Leinwand, und Munro ist der coolste Vertreter dieses Trends. Nicht etwa von Jugendwahn getrieben, zwängt er sich in die enge, stromlinienförmige Rüstung seiner Zweiradrakete. Eine Sekunde auf seiner Maschine, sagt er einmal, wiege die Erlebnisse von Jahren auf. Um mehr geht es nicht.

Cinemaxx Potsdamer Platz, in der Kurbel und dem Colosseum

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben