Kultur : Schock auf Schock

GÜNTHER GRACK

Sex und Gewalt, Gewalt und Sex - es ist eine unheilige Allianz, die das junge englische Theater eingeht.Die 48.Berliner Festwochen, sich gastfreundlich "The Next Generation" öffnend, boten die Gelegenheit, an zwei Abenden hintereinander die Stücke der beiden prominentesten Autoren kennenzulernen: Patrick Marbers "Hautnah" im Studio des Maxim-Gorki-Theaters, Sarah Kanes "Zerbombt" in der Baracke des Deutschen Theaters.So unterschiedlich sie sind, jene obsessive Fixierung auf Sex und Gewalt machen sie beide, wie von ungefähr, an ein und demselben gräßlichen Detail fest."An unseren Eiern würden sie uns aufhängen, aber echt", sagt in Marbers Stück ein Mann den Frauen nach, wenn sie wüßten, "welche Scheiße uns jeden Tag durchs Gehirn schwappt ..." Aus Marbers Konjunktiv wird bei Kane krude Realität: "Baumelten dann von der Decke, aufgeknüpft an den Hoden", rühmt sich dort ein Soldat für seine Greueltaten an den Opfern eines Bürgerkrieges.

In Edward Bonds "Saved" (Gerettet, 1965) wurde ein Baby im Kinderwagen von einer Horde Jugendlicher gesteinigt - einfach so, aus dumpfem Mutwillen.In Sarah Kanes "Blasted" (Zerbombt, 1995) wird der Leichnam eines Babys aufgefressen: von Ian, einem 45jährigen Journalisten - nicht aus kannibalistisch perversem Trieb, sondern schlicht aus Hunger.Ian, der mit einem jungen Mädchen namens Cate ein Hotelzimmer im mittelenglischen Leeds teilt, ist zwischen die Fronten einer gewalttätigen Auseinandersetzung zweier Parteien geraten.Die Gegner bleiben namenlos; es könnten Einheimische contra Einwanderer sein oder auch konfessionell motivierte Parteien wie in Nordirland oder Bosnien.Ihr Repräsentant ist jener anonyme Soldat, der in das Hotel eindringt und das Pärchen in seiner untrauten Zweisamkeit brutal terrorisiert.

Geschlechterkampf plus Bürgerkrieg: Bond, altersmild, hat das provokante Debüt seiner jungen Nachfolgerin als Reflex unserer kaputten Welt verteidigt.Und dennoch ist das Stück angreifbar, weil es nämlich des Bösen zuviel tut.Kane begnügt sich nicht damit, die Schrecken des Krieges, Vergewaltigung, Verstümmelung, Vernichtung, zu zeigen - Höhepunkt: der Soldat saugt dem Journalisten die Augen aus, um sie sich als Delikatesse einzuverleiben.Sie denunziert darüber hinaus auch das Mann-Frau-Verhältnis als das einer totalen Abhängigkeit: Ian, der Cate in der Nacht mit blutiger Gewalt genommen hat, läßt sich von ihr am nächsten Morgen oral befriedigen - ihm selbst übrigens wird es an diesem Tag der Soldat anal besorgen.

In der DT-Baracke, die Stephan Fernau übers Eck zu einem 2-Sterne-Hotel ausgebaut hat, buchstabiert der Regisseur Rüdiger Burbach die Horrorstory getreulich nach, und seine Darsteller vollstrecken willig, was die Autorin ihnen auferlegt hat: nackte Haut zu zeigen und gegebenenfalls die Absonderung von Sperma, Kot und Urin zu simulieren.Echt dabei ist freilich der Schweiß, der dem lungenkranken Ian des Sven Walser den Oberkörper näßt, muß sich doch der Schauspieler immer wieder in konvulsivischen Zuckungen krümmen.Auch Jule Böwe als Cate ist schwer damit beschäftigt, über die Fummelei an dem Partner hinaus, in Ohnmacht fallend, in irres Gekicher ausbrechend, eine Debile zu mimen.Als Soldat schließlich führt Hans Fleischmann, die MP schwenkend, eine bullige Präsenz ins Feld.

Nach anderthalb Stunden endet der Abend mit einer Salve aus gleißendem Licht und wummerndem Getöse, einem apokalyptischen Feuerwerk, das den unaufhaltsamen Abstieg dieser Menschheit in die Hölle begleitet - Gott sei Dank, seufzt der Zuschauer in seinem Sessel.Und hofft, daß Sarah Kane, die begabte junge Frau, künftig aus dieser Sackgasse, angefüllt mit scheußlichen Schockeffekten, wieder herausfinde.Ihr jüngstes Stück, "Crave" (Verlangen), wird gegen Ende der Berliner Festwochen, als Gastspiel aus London, hier zu sehen sein.



"Pornographie ist im Kommen", sagt in Patrick Marbers Stück "Hautnah" der Besucher eines Londoner Strip-Clubs zu der jungen Frau, bei der er eine Separatvorstellung gebucht hat - "eins rauf für England." Pornographie ist längst da, möchte ihm antworten, wer die Berliner Erstaufführung dieses Stücks sieht, das seit einem Jahr in einem Triumphzug ohnegleichen über die Bühnen der Welt geht.Vier Personen haben hier einen Autor gefunden, der ihnen unbefangen four-letter-words in den Mund legt, wie sie früher kein Mensch in aller Öffentlichkeit über die Lippen gebracht hätte.Freilich, die Drastik in Sachen Sex sucht Marber selbst zu relativieren, indem er sie im Dialog erörtern läßt; die Frage: "Obszön?" erhält da die Antwort: "Nein, ehrlich."

Nun, ehrlich gesagt: "Closer", wie Marbers Stück im Original heißt, mutet eher spekulativ an - ein Kitzel hautnah unter der Gürtellinie.Daß sich bei den vier Menschen, die sich in zwölf Szenen begegnen und vereinen, betrügen und wieder trennen, das Leben aufs Geschlechtsleben reduziert, mindert den Anspruch auf Lebenswahrheit.Dan, ein Journalist mit literarischer Ambition, fordert die Stripperin Alice zwar zur "Wahrheit" auf, "weil wir sonst Tiere sind", die Wahrheit aber, die sie ihm sagen soll, bezieht sich lediglich darauf, ob sie ihn mit dem Arzt Larry betrogen hat.Ansonsten hält sich Dan selbst durchaus nicht immer an das Wahrheitsgebot, denn Anna, einer Fotografin, die sich von ihm ab- und diesem Larry zugewandt hat, wirft er ihr offenes Eingeständnis der Untreue vor: "Die Wahrheit tut weh.Versuch mal abwechslungshalber zu lügen, das ist die Weltwährung."

Die Warnung und Lockung zugleich, das Stück sei "für Jugendliche nicht geeignet", mit der das Schauspiel Essen seine "Hautnah"-Aufführung annonciert, erspart sich das Maxim-Gorki-Theater und gibt damit, erfreulicherweise, kein Beispiel von Doppelmoral.Der Regisseur Uwe Eric Laufenberg führt diesen coolen Londoner Reigen - ein Jahrhundert entfernt vom Charme des Schnitzlerschen Wiener Vorgängers - angemessen kaltschnäuzig vor Augen und gleichzeitig selbst, in der Rolle des Larry, das Ensemble an.Frank Seppeler als Dan, Wahrheitsfan und Lügenbold, legt den Rivalen in einem grotesken Betrugsmanöver herein, indem er sich in einem Internet-Wortwechsel als sexhungrige Anna ausgibt; während die beiden, einander über die Bühnenbreite hinweg nicht wahrnehmend, ihre Tastaturen bedienen, rollt auf einem großen Bildschirm ihr geiles Angebot-und-Nachfrage-Programm ab.Kontrastfiguren die beiden Frauen: Regine Zimmermanns Alice, nett nuttig, und Karina Fallensteins Anna, brav bürgerlich - in dem Mut jedoch, frank und frei die frechsten Sachen zu sagen, läßt sich diese Anna von niemand überbieten.Eines allerdings hat ihr Alice, berufsbedingt, voraus: den Kick der Stripnummer im Rotlichtseparee - Laufenbergs Larry wird da ganz nervös.Die Dringlichkeit aber, mit der er den Wunsch äußert, mit ihr "von Mensch zu Mensch" zu reden, wirkt aufgesetzt, so als habe Patrick Marber dann doch das Defizit seines Stücks bemerkt und es, von Herzen mit Schmerzen, schnell noch auffüllen wollen.

"Zerbombt": 19.und 20.9., "Hautnah": 20., 21., 24.und 27.9.; jeweils 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben