„Schock“ : Party im Erlebnispark

Ungarns Kultregisseur Viktor Bodó zeigt in Berlin sein Trash-Stück „Schock“.

Christine Wahl

BerlinAch, wie ist das Leben lustig in östlichen Autowerkstätten! Onkel Aron schlurft im Military-Look durch die Halle und sagt ständig: „Du Misthaufen“. Vor allem, wenn die ukrainische Mafia vorfährt. Man erkennt sie am halbseidenen Pelz zum sommerlich weißen Kunststoffhut. Aber auch die Restpopulation der ungarischen Grenzstadt Nyiregyháza lässt sich nicht lumpen und holt aus den harten Fakten – die Kriminalitätsrate ist hier seit der Wende enorm gestiegen; der Prostitution und der Mafia geht es prächtig – eine krachfidele Kindergeburtstagsfeier mit Pulp-Fiction-Appeal heraus. Jedenfalls geben sich in „Schock“, Viktor Bodós Gastspiel vom Móricz Zsigmond Theater Nyiregyháza, neben der Mafia auch einfältige Ex-Knackis, obdachlose Familien und deren tumbe Vettern siebenundzwanzigsten Grades mitsamt ihren nölenden Gattinnen die Klinke in die Hand.

Die Story ist elend dünn. Aber dafür scheint sich der 29-jährige ungarische Regisseur – Shooting Star der internationalen Festivalszene – auch allerhöchstens sekundär zu interessieren. Sich hier bei so spießigen Details wie Handlungslogik aufzuhalten, wäre eine rührende Fehlleistung. Im Grunde, so legt die Begutachtung dieser postsozialistischen Prekariatsparty auf der Seitenbühne des Berliner Festspielhauses nahe, hat Bodó lediglich ein paar Motive gesucht, um seine Vorliebe für Slapstick, Filme von Orson Welles bis Monty Python, Musicalkitsch und eine sehr gegenständliche Form des absurden Theaters auch einmal mit den öligen Niederungen des Drogen- und Unterschichtenmilieus zu verknüpfen.

International bekannt machte den jungen Mann, der direkt nach seinem Regiestudium als Hausregisseur ans Budapester Katona Joszef Theater und damit in die dramatische Champions League engagiert wurde, sein unbekümmerter Umgang mit Restbeständen der Hochkultur: Die Produktion „Gehacktundverschwunden“, die am HAU gastierte und einen gewissen Schöngeist namens Josef K. in pornografischen Posen sowie düstere Anzugträger bei der Vollstreckung einer Zahnbehandlung zeigte, in deren Folge der Patient mindestens 17 Zähne in eine Emailleschüssel erbrach, basierte auf Kafkas „Prozess“. „Pizzicato“, Bodós erste Auslandsregie am Deutschen Theater Berlin, war ursprünglich von Shakespeares „Sommernachtstraum“ inspiriert.

Ein bisschen nach Sommernachtstraum sieht es bei Bodó eigentlich immer aus. Selbst die ranzigste Werkhalle ist noch ein Ort von heiligen pittoresken Gnaden: Die Prostituierten, die in „Schock“ die lumpige Fete entern, erinnern in ihren tadellosen Hot Pants, Netzkleidern und schwarzen Korsagen weniger an Grenzgebiet Ost als an die Nitribitt. Zumal es sich um echte Profi-Tänzerinnen handelt, die geradewegs aus „Cats“ gefallen zu sein scheinen: Ist das noch Ironie oder schon die hohe Schule der neuen Ernsthaftigkeit, kitsche da, was wolle? Schwer zu sagen. Sicher ist nur: Onkel Aron könnte die nicht bezahlen!

Jede Menge Action: fröhlich wird sich geprügelt und hinterher der lose Zahnbestand aus dem Mund gepult, mit Spirituosen geworfen, hinter der Eisentür mit echten Autos vorgefahren und ein Genickbruchversuch an einer in besonders hoher Tonlage nervenden Gattin vollstreckt. Es ist ein sehr passender Ausdruck für diesen von ungebremster kindlicher Fantasie beseelten Abend, dass der Regisseur, der vollkommen gebannt im Zuschauerraum sitzt, selbst am meisten über seine Inszenierung lacht.

Nach diesem Gastspiel wird Bodó Ende des Monats im HAU 1 ein „Erlebnisministerium“ errichten. Die Zuschauer können ihren Parcours frei zusammenstellen und beispielsweise auf dem „Flur der Banalitäten“ lustwandeln oder sich im „Labyrinth der Bürokratie“ verlieren.

HAU 1, 27.-29. Juni, 19 und 20.30 Uhr

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