Kultur : Schock. Schwere. Not.

Protokoll einer Implosion: Carlos Reygadas’ mexikanisches Kleine-Leute-Drama „Battle in Heaven“

Jan Schulz-Ojala

Wenn die Menschen in den Filmen von Carlos Reygadas über Land gehen, dann bewegen sie sich langsam und schwer wie auf zugemülltem Meeresgrund. In „Japon“ flieht ein Mann, der sich das Leben nehmen will, in die Berge und findet nur versteppte Erde vor, Geröll und monströse Tierkadaver. Reygadas’ neuer Film spielt zwar fast vollständig in Mexico City – aber in einer der zwanzig langen Lebens- und Leidensszenen stakst der Held verloren durch nebelverhangenes Nutzland und steigt auf Hügel voller Gipfel- oder Totenkreuze: unten der Smogdunst der Stadt und obendrüber leertoter Himmel. Der Mensch mag sich paaren und trennen, mag gute und böse Dinge tun, mag morden oder selbstmorden: Er bleibt ein seltsames Amphibium, und götterseelenallein.

„Batalla en el cielo“ (neudeutscher Titel: „Battle in Heaven“) heißt der zweite Film des 35-jährigen Mexikaners, ein ausdrücklich aleatorisches Titelspiel wie das gänzlich unjapanische „Japón“; und doch darf der Zuschauer im langen, ruhigen Fluss der Bilder von einer Schlacht in der Unsterblichkeitshölle irgendwo überm Olymp oder dem Popocatepetl fantasieren, wo die Götter die Seelen der Irdischen am Marionettenfaden führen und ab und zu Menschenversenken spielen. Unsere Leiden, nichts weiter als der Zeitvertreib von höheren Langweilern, wir ahnten es schon.

Reygadas setzt Plots, die Geschichten dazu muss man sich, sofern man will, schon selber zusammenträumen. In „Batalla en el cielo“ ist eine Kindesentführung schief gegangen, das Kind ist tot, das Lösegeld im Eimer, und das dicke, dumpfe, ältere Kidnapper-Ehepaar, zwei Alltagskolosse von nebenan, schlägt sich mit Schuld und Sühne herum. Oder auch nicht. Es gibt irgendwann einen Kommissar, aber keine Krimihandlung. Es gibt ein paar wie aus unfasslichen Körpertiefen sich hervorquälende Dialoge, in denen das Paar sich auf einen Bußgang verständigt, wie ferngesteuert nur für ein absurdes Ritual. Und es gibt Sex, zwischen den dicken Leuten erst und auch zwischen dem Mann und der schönen, rätselhaften, kühlen Tochter seines Chefs: das mechanische Hin und Her wenig glücksbegabter Tiere, die sich einem Vereinigungsurteil beugen. Nur wenn sie, jenseits der Zukunft, ganz aus dem Leben ausgesperrt sind, machen und sagen sie eine Art Liebe.

Wie schon in „Japón“ arbeitet Reygadas mit Laien. Sie sprechen wenig, und das Wenige sagen sie wie Formeln hin. Wen’s stört. Wie schon in „Japón“ arbeitet Reygadas mit halbdokumentarischen Einsprengseln, mit subjektiver Kamera, mit starren Einstellungen, aus denen nach einer Weile die Weltbetrachtungslust zu langsamen 360-Grad-Schwenks erwacht. Wen’s stört. Wie schon in „Japón“ löst Reygadas die Tonspur manchmal brutal vom Bild (stumm schwingende Kirchenglocken) oder überzeichnet ein akustisches Segment (Weckerklingeln, High-Heel-Klackern) auf Kosten aller anderen. Und wie in „Japón“ fürchtet Reygadas sich nicht vor dem Restschamgrenzen überschreitenden Arrangement. Wen’s stört. Und es stört viele: In Cannes letztes Jahr gehörten „Manierismus“, „Epigonentum“, „Sozialporno“ noch zu den milderen Vorwürfen.

Ja, da ist der frühe Buñuel und der späte Tarkowski, da sind Augenblicke des mittleren Kiarostami und Ewigkeiten des unendlichen Béla Tarr. Ja, da ist eine extreme, ausgestellte Absicht in jedem Bild, und die Schocks sind exakt gesetzt. Aber da ist auch Zeit in den Szenen (etwa wenn die Kamera während eines Liebesakts am Nachmittag ins Freie hinausvagabundiert und ihr Blick über mattgraue Hinterhoffassaden streicht, bevor sie zurückkehrt zu den still gewordenen Körpern) und das Abenteuer, wie diese Szenen sich auflösen oder unmerklich in eine nächste übergehen. Und auch der Mut imponiert, alles anzuhalten – eine Autofahrt zum Beispiel für eine lange Minute – und ohne jede Ungeduld das Zusammentreffen einer nächtlichen Tankstelle mit großartigem Getöse von Bach zu feiern oder zum dritten und vierten Mal einer gewaltigen Flaggenzeremonie zuzusehen. Bevor dann wieder etwas weitergeht einer Art Ende entgegen.

Der dicke Marcos (Marcos Hernandez) und seine nicht minder massige Frau (Bertha Ruiz): Wie ein Bollwerk stehen sie zur Welt, und wie unerschütterlich stoßen sie aneinander, wenn die Natur oder die schaulustigen Götter es verlangen. Als Marcos vom Tod des Kindes erfährt, ist es, als bräche – die irreversibelste Implosion der Welt – ein gewaltiger Gletscher unendlich langsam nach innen weg. Es ist dann die junge Ana (Anapola Mushkadiz), der er diese Schuld mitteilen kann und mit der er ein anderes Geheimnis teilt. Nur um auf diese Schuld plötzlich eine weitere zu setzen – und wieder scheint es das Ablenkungsbedürfnis albernder Götter zu sein, das ihn, weil der Mensch nicht für die Hoffnung gemacht ist, zur grausigsten Tat seines Lebens treibt.

Nein, nichts bereitet auf diesen Film vor, nichts wappnet gegen ihn, Wörter am allerwenigsten. „Batalla en el cielo“, auch das verbindet den Film mit „Japón“, ist nicht fürs Verstehen gemacht. Sondern fürs Sehen. Wer Reygadas verstehen will, sieht gar nichts. Doch wer sieht, beginnt zu verstehen.

Filmtheater am Friedrichshain, Kant,

Kulturbrauerei; OmU im Babylon Mitte

und in den Hackeschen Höfen

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