Kultur : Schock und Ehrfurcht

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Caroline Fetscher über das

Feuerwerk der Fernsehbilder

Harald Schmidt, Entertainer der Mittelschicht mit Abitur und Lizenz zum leicht kindlichen Zynismus, ironisiert die Kriegsbilder. Schmidt lässt Helmut Zerletts showbegleitende Band im gleichen nachtblinden Grün auftreten, wie es uns die Kameras aus Bagdad zeigen. Flimmern, Flackern, die Ahnung eines Horizonts oder des so genannten Weichbildes einer Stadt. Organisiert wie die Fenster auf einem PCDesktop tauchen diese Standbilder neben denen der Moderatoren und der Experten auf. In Bagdad sind Kameras von Al Dschasira, Abu-Dhabi-, Yemen- oder Kuwait-TV an den Fassaden von Hochhäusern befestigt und senden ununterbrochen – wie Überwachungskameras. Die Bilder kauft offenbar CNN, von CNN kauft sie offenbar wiederum das deutsche Fernsehen, soweit geben die lesbaren Sender-Logos jedenfalls Auskunft.

Wir wollen uns orientieren im Orient des Krieges. Mit dem Geschiebe auf dem Bildschirm entsteht der Eindruck, all das habe sich ein Verkehrsleitsystem-Manager ausgedacht, damit er den Überblick behält. Und man sieht: nichts. Symbolisch wird vorgeführt, dass wir, die Millionengemeinde der Nachrichten-Süchtigen, keine Ahnung haben, was in der attackierten Stadt vor sich geht. Journalisten „embedded“ auf Kriegsschiffen oder im Großhotel der Stadt, bekommen vor Ort kaum mehr mit als die Außenwelt über das 24-stündige Dauerbild.

Am Freitagabend löst sich das Standbild urplötzlich auf. Noch während die Kommentatoren ihre aktuellen Spekulationen weitergeben, explodieren Lichter auf dem Schirm im Schirm. Live werden wir zu Zeugen, wie die Strategie „Shock and awe – Schock und Ehrfurcht“, umgesetzt wird. Ein Feuerwerk aus Missile-Spuren und Qualmeffekten entfaltet sich, Sonnenuntergangsfarben sprühen in den Himmel über Bagdad, hellrosa, dunkelblau, rot und grau. Die Stimme des Kommentators versiegt vollends – fast fünf Minuten überlässt der Sender die Zuschauer dem Feuerwerk. Was haben wir gesehen? Wieder nichts. Gestern morgen erklärte ein BBC-Radioreporter, er habe den Verdacht, dass aufwändig viel Feuerwerk ausgerechnet in der Nähe des Journalisten-Hotels abgebrannt worden sei: Shock and awe – für die Reporter der Welt im Kamerakrieg.

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