Kultur : Schön peinlich

ULRICH CLEWING

Sechzehn Jahre ist es her, daß Albert Oehlen sein Bild "Morgenlicht fällt ins Führerhauptquartier" malte.Zu dem Zeitpunkt war Oehlen 28 Jahre alt, und der Titel des großformatigen, unter heftigem Pinselschwingen entstandenen Gemäldes war durchaus programmatisch gemeint.Wie Werner Büttner, Walter Dahn oder Jiri Georg Dokoupil gehörte auch Oehlen zu dem Kreis junger Künstler aus dem Rheinland, die Anfang der achtziger Jahre zwar den Malstil der Neuen Wilden um Fetting und Salomé kultivierten, sich ansonsten aber durch die Wahl der Bildthemen, durch ihren verqueren Humor und einen ausgeprägten Hang zur Ironie grundlegend von ihren damals bereits berühmten Berliner Kollegen unterschieden.

Oehlen und seine Freunde waren für die Kunst hierzulande, was ein paar Jahre zuvor die Sex Pistols für die Popmusik gewesen waren: ein lauter, respektloser Haufen, dem es einen Heidenspaß bereitete, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das der bürgerliche Kunstbetrieb für sie bereithielt."Mein Ziel besteht darin", gab Oehlen einmal seine Ansprüche an ein von ihm gemaltes Bild zu Protokoll, "daß der Betrachter nicht darum herum kann, das Wort Scheiße im Kopf zu haben".

Dahinter stand freilich mehr als die reine Lust am schlechten Benehmen.Es drückte sich vielmehr ein fundamentaler Zweifel an der Verfaßtheit einer Kunstszene aus, die sich um sich selbst drehte: Was tun, wenn andere vor einem längst dasselbe getan haben, wenn künstlerischer Ausdruck schon so oft von Ideologien vereinnahmt worden war, daß jegliche Form der Sinnstiftung obsolet erschien.Für Oehlen war die Lösung das Anti-Bild.Er malte Gemälde, die so geschludert wirkten, daß klar war: hier schüttet jemand Hohn und Spott über den erhabenen Ernst der Vorväter - aus Selbstschutz.Nebenbei war es auch noch eine zündende Geschäftsidee: Oehlen zählt mittlerweile zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern.

Dieses Vorwissen ist notwendig, will man den neuesten Bildern Oehlens auch nur annähernd gerecht werden.Der 1954 in Krefeld geborene Künstler hantiert jetzt statt mit dem Pinsel mit dem Grafikprogramm des Computers.Herauskommen immer noch große Formate, allerdings heißen sie nun Ink Jet Plot und werden von einem riesigen Farbdrucker ausgespuckt.Gleichgeblieben sind auch Oehlens Vorstellungen vom guten Bild: Schön scheußlich muß es sein, Motive zum Davonlaufen, Farbkombinationen, daß einem schlecht wird, dann ist es richtig.Die Aufgabenstellung hat Oehlen auch diesmal erfüllt.Die Beispiele aus seiner neuesten Produktion in der INIT Kunsthalle in der Chausseestraße sind tatsächlich ausgesucht greuliche Exemplare ihrer Gattung.Sie erinnern entfernt an Dada-Collagen oder die Fotomontagen von John Heartfield, natürlich ohne dessen politische Botschaften.Die Farben regelt das Computerprogramm, könnten jedoch ebenso gut aus der Bonbonniere stammen.Sie sind einfach schauerlich.

Das alles wirkt seltsam angestrengt, altbacken und auch ein bißchen spätpubertär.Vielleicht liegt es daran, daß sich mittlerweile erwiesen hat, daß die Kunst eben doch nicht so tot ist, wie viele vor noch nicht allzu langer Zeit glauben mochten.Möglicherweise ist es auch so, daß die ironische Grundhaltung der achtziger Jahre heute nur noch bedingt Sprengkraft besitzt.Oehlens Bilder vor Augen, schrieb der Kölner Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen 1986 in der ihm eigenen Semantik: "Denn es gibt heute nichts Peinlicheres als unpeinliche Kunst.Wer glaubt, heute als freier Schriftsteller und Erbauungsproduzent davonkommen zu können, ohne sich zum Affen zu machen, lügt." Inzwischen aber hat sich gezeigt: Auch peinliche Bilder können ganz schön peinlich sein.

INIT Kunsthalle, Chausseestraße 119/120, bis 20.September; Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr, Freitag und Sonnabend 12 bis 20 Uhr.

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