Kultur : Schön, reich und berühmt

Andy Warhols Spätwerk im Düsseldorfer Kunst-Palast

Martin Krajewski

Am Morgen des 3. Juni 1968 sitzt Andy Warhol in seinem Büro in New York, als Valerie Solanas, eine gelegentliche Besucherin, eintritt, aus einer Papiertüte eine 32er-Automatik-Pistole zieht und schießt. Warhol ist zu dieser Zeit bereits auf der Höhe seiner Karriere – seine Bilder von Marylin Monroe, Elvis oder Jackie Onassis sind Ikonen des Zeitgeistes, die freizügigen Underground-Filme der Lebens- und Produktionsgemeinschaft „Factory“ berühmt und umstritten. Fünf Kugel treffen den Künstler in die Brust. Am Nachmittag erklären ihn die Ärzte im Hospital für klinisch tot. Dann gelingt es, ihn durch eine mehrstündige Brustoperation wiederzubeleben. Doch von den Verletzungen sollte sich Warhol nie mehr völlig erholen.

Dieses Ereignis, das die Attentäterin als feministische Aktion verstand, ist Ausgangspunkt der Düsseldorfer Retrospektive „Andy Warhol. The late work“, die das Museum Kunst-Palast in multimedialer Fülle von 320 Bildwerken, Fotos, Filmen und Videos ausrichtet. Die meisten Leihgaben stammen aus den reichen Beständen des Andy-Warhol-Museums in dessen Heimatstadt Pittsburgh. Das klingt nach dem Spätwerk großer Meister: Altersstil, einem Begriff, den die Kunstgeschichte für die höchste Geistigkeit eines langen Künstlerlebens prägte. Tatsächlich nahm Andy Warhol (1928-1987) in diesen Jahren eine Umorientierung vor: Nachdem er 1965 die Malerei publikumswirksam aufgegeben hatte, entwarf er nun eine Serie mit dem „most important man“. Nicht Albert Einstein, sondern Mao wurde Motiv von tausenden Leinwänden, Siebdrucken und Tapeten. Er erklärte, jeden zu porträtieren, der bereit sei, 25000 Dollar zu zahlen. Fortan bilden diese Aufträge die finanzielle Basis seiner New Yorker Gemäldemanufaktur.

Die Hinwendung zu den Schönen, Reichen und Berühmten markiert 1969 auch die Gründung der Zeitschrift „Interview“, in denen Stars erstmals Stars befragen. Warhol gründete damals eine eigene Fernsehreihe, das Andy-Warhol-TV, seine Firma produzierte Werbespots, Musikvideos und Titelbilder für „Time“. Kein Künstler vor ihm hat die Mechanismen des Kapitalismus so unverblümt und erfolgreich eingesetzt, seinen Namen so zielgerichtet zur kommerziellen Marke entwickelt.

Dass gerade die Auftragsporträts in der aktuellen Retrospektive fehlen, hat gewiß mit Warhols Bemühen zu tun, nicht als unbekümmerter Chronist der Konsumwelt zu erscheinen. Im Zugriff auf „große“ Themen dokumentierte er seinen Anspruch auf ernsthafte Kunst. Als Europa ihn Anfang der Siebzigerjahre als Marcel Duchamps legitimen Nachfolger feierte, sank in New York seine Reputation. Wie sensibel Warhol das registrierte und darauf reagierte, belegt eine Anekdote der Kunsthistorikerin Rosalind Krauss im Katalog: Auf die Nachricht, dass man ihn nicht mehr als avantgardistisch ansah, fragte er: „Kennt er meine Pissbilder?“

Die „Oxidation paintings“ von 1977/78, mit Kupfer überzogene Tafeln, von „aufgetropfter“ Harnsäure zersetzt, belegen nun in Düsseldorf bildmächtig seine Experimentierlust. Solche auf den ersten Blick unzugänglichen Motive, etwa 100 Gemälde und Drucke, dominieren die Ausstellung. An die Stelle der frühen plakativen Bildikonen tritt schwer zu Entzifferndes: Schattenbilder, Diagramme, nur unter UV-Licht sichtbare Umrisse, Silhouetten von Gegenständen, riesige Camouflage- oder Rohrschachtest-Muster. Abstraktion, Monumentalität und Rücknahme der Erkennbarkeit belegen, wie leicht er in die Kunst der Achtzigerjahre einzufügen ist, als deutsche Malerfürsten und amerikanische Neoexpressionisten wie Julian Schnabel mit großen Formaten und Preisen reüssierten.

Es ist ein Werk zu besichtigen, das sich durchaus an der Kunstgeschichte misst. In einem Zyklus, der sich Leonardos „Letztem Abendmahl“ nähert, seziert und bricht Warhol die Ikonografie des Heiligen bis zur Unkenntlichkeit – und setzt an die zentrale Position des Christuskopfes ein Preisschild. Seine Serie „Skull“ (1976), ein Totenkopf aus seinem Besitz, verweist auf die Vanitas des Barockstilllebens. Das traditionelle Symbol der Endlichkeit tritt an die Stelle seiner frühen Katastrophenbilder, die den Tod in den Massenmedien wiederholen.

Museum Kunstpalast Düsseldorf, bis 31. Mai. Dreibändiger Katalog (deutsche und englische Ausgabe), 39,90 €.

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