Kultur : Schön war die Zeit

Meister des Cocktail-Pianos: Götz Alsmann zum 100. Geburtstag des Komponisten Peter Kreuder

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Herr Alsmann, Sie singen auf Ihrem neuen Album „Kuss“ einen Schlager, den Peter Kreuder 1940 für Marika Rökk geschrieben hat: „Für eine Nacht voll Seligkeit, da geb’ ich alles hin/Doch ich verschenk mein Herz nur dann, wenn ich in Stimmung bin.“ Kann man diesen frivolen Aufruf heute noch ernst nehmen?

Den Text vielleicht nicht mehr. Der ist wunderbar gereimt, das war die Technik der Zeit. Heute macht das niemand mehr so charmant, da hilft man sich mit Anglizismen. Aber die Melodie kann man heute noch sehr gut spielen, wie viele Stücke von Kreuder. Das Original ist sehr schnell, viel schneller als bei mir. Wir spielen es etwas shuffeliger, ein bisschen Hardbop weht mit hinein. Das ist so der Stil der Zeit, der ungefähr zwischen 1955 und 1963 gepflegt wurde. Es gehört zu den Qualitäten der deutschen Unterhaltungsmusik der Dreißiger bis Fünfzigerjahre, dass sie immer wieder anders klingt, je nachdem, wie man sie arrangiert. Die Komponisten – außer Peter Kreuder fallen mir sofort noch Michael Jary, Friedrich Meyer und Heino Gaze ein – hatten eine profunde musikalische Ausbildung, das ist ihren Stücken anzuhören.

Kreuder, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, hat die Musik zu fast 200 Filmen und 2000 Lieder hinterlassen. Worin liegt für Sie seine Bedeutung?

Es ist wie bei den großen Amerikanern: Cole Porter und George Gershwin haben sehr viele Broadway-Musicals geschrieben, aber in den meisten Fällen ist über diese Werke längst Vergissmeinnicht gewachsen. Zwei Generationen später kennt kaum noch jemand die Titel ihrer Musicals, aber aus jedem davon hat man immer noch ein, zwei Songs im Ohr. Mehr kann man als Unterhaltungsmusiker nicht erreichen. Bei Peter Kreuder sind das unsterbliche Melodien wie „Good Bye, Johnny“, „Zwischen heute und morgen“ oder „Sag beim Abschied leise Servus“.

Kreuder ist für seinen weichen Piano-Anschlag berühmt, der „Kreuder-Sound“ gilt als unnachahmlich.

Er hat schon in den Dreißigerjahren Schellackplatten wie „Die Nachteulen spielen Gerngehörtes“ aufgenommen, die Folkloristisches und aktuelle Schlager verwursteten. Nach dem Krieg wurden Kreuders Piano-Alben sehr populär. Sie hießen „Cocktail für die Hausbar“, „Intime Barmusik“ oder „Cocktail unvergesslicher Lieder“, auf ihnen spielte Kreuder Medleys und interpretierte Stücke wie „Ramona“ oder „Ganz Paris träumt von der Liebe“ auf eine sehr eigene, sehr dezente Art. Das ist edelste Cocktail- Piano-Musik, wie sie international von Leuten wie Frankie Carle oder George Feyer gespielt wurde. In den Sechzigerjahren stieg Kreuder dann zum Fernsehstar auf, er wurde zum Dauergast in Shows wie „Schön war die Zeit“. Damals bin ich ihm zum ersten Mal begegnet, als Zuschauer. Ich begeisterte mich für Fernsehpianisten, und meine Eltern riefen immer, wenn Kreuder auf dem Schirm erschien: Komm schnell gucken.

Kreuders Rolle in der Nazi-Zeit ist ambivalent. Einerseits setzte die Reichsmusikkammer einige seiner Titel wegen ihrer Jazz-Nähe auf den Index. Andererseits war er einer von Hitlers Lieblingskomponisten. In dessen Plattensammlung auf dem Obersalzberg soll es fast den gesamten Kreuder gegeben haben.

Goebbels soll ein fanatischer Jazzfan gewesen sein, der aber gleichzeitig Benny Goodman als üblen Vertreter des „Weltjudentums“ beschimpfte. Wir können den nationalsozialistischen Machthabern ja keine logische Herangehensweise unterstellen. Es gab Ufa-Komödien, die absolut auf einer Augenhöhe mit amerikanischen Produktionen waren, „Wir machen Musik“ mit der gerade verstorbenen Ilse Werner ist zum Beispiel ein hinreißender Foxtrott-Jazz-Musikfilm. Ingrid Bergman hat 1938, bevor sie nach Amerika ging, einen Film in Deutschland gedreht: „Die vier Gesellen“. Ich kann mich noch gut erinnern, den in meiner Kindheit sonntagnachmittags im Fernsehen gesehen zu haben. In einer Szene fährt sie Bötchen auf dem Wannsee, und hinten flattert über dem Außenbordmotor die Hakenkreuzflagge.

Das Gespräch führte Christian Schröder .

Das Filmmuseum Potsdam, das von Kreuders Witwe seinen Nachlass erhalten hat, zeigt noch bis zum 25. September eine Peter-Kreuder-Ausstellung, tgl. 10–18 Uhr.

Götz Alsmann, 47,

ist Pianist, Sänger, Bandleader und Moderator der WDR-Show „Zimmer frei“. Sein neues Jazz-Schlager-

Album „Kuss“ ist vor kurzem bei Boutique/Universal erschienen.

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