Kultur : Schöne alte Welt

Eine Wanderausstellung huldigt dem Architekten Eero Saarinen

Ulf Meyer

„Kannst du mir ein Pferd malen?“ Mit dieser Frage begann im Architekturbüro seines Vaters mitten im finnischen Wald die Karriere des berühmtesten amerikanischen Architekten der fünfziger Jahre: Eero Saarinen stellte sie jedem, der das Architekturbüro seines ebenfalls berühmten Vaters Eliel betrat. Wie sehr Saarinen junior dabei von der kreativen Umgebung seiner Kindheit in Finnland geprägt wurde, beweist eine große Ausstellung mit dem Titel „Shaping the Future“, die ihre vierjährige Weltreise gerade in Oslo beginnt und eine Neubewertung des Baukünstlers wagt. Obwohl Eero erst 13 Jahre alt war, als seine Familie nach Michigan emigrierte, zeigt sie ihn als „im Kern finnischen Architekten“. Seine berühmtesten Werke stehen in der neuen Welt: Der expressive „Betonvogel“ des TWA-Terminals am Kennedy-Flughafen in New York oder der riesige, parabelförmige Gateway-Arch in St. Louis, der den Aufbruch der Amerikaner in den goldenen Westen symbolisiert.

Mit dem 1. Preis im Wettbewerb für dieses Mega-Memorial hatte 1948 die große, aber kurze Architektenkarriere von Eero Saarinen begonnen. Mit diesem Auftrag in der Tasche gründete Eero sein eigenes Architekturbüro, in dem bald für amerikanische Großkonzerne wie General Motors, Bell, IBM und später CBS riesige Verwaltungsgebäude entworfen wurden. Die streng-modernistische Sprache dieser Büropaläste löste Saarinen im Inneren oft mit seinen dramatisch-geschwungenen Treppen und „weichen“ Möblierungen wieder auf.

Saarinens von Architekturkritikern wie Vincent Scully attestierter Stilpluralismus war Stärke und Schwäche zugleich. Verstehen kann ihn nur, wer Saarinens Elternhaus in Hvitträsk unweit von Helsinki aufsucht: Saarinen senior hatte das urige Anwesen 1903 gebaut und dabei unterschiedlichste Quellen zu einem „finnischen Nationalstil“ verarbeitet, der im nordischen Jugendstil mündete. Und so schöpfte später auch Eero aus verschiedensten ästhetischen Quellen, um sich von seinem Vater zu emanzipieren.

Nach Eeros frühem Tod 1961 zog das Büro nach Connecticut. Unlängst wurde das Firmenarchiv der Yale University vermacht – Modelle, Fotos, Filme, Möbel und Pläne, die nun zu einem großen Teil erstmals öffentlich zu sehen sind. Die Ausstellung kommt gerade recht, denn Saarinens Erbe ist bedroht: Der „Geburtsort des Handys“, der riesige Hauptsitz der Firma Bell in Holmdel/New Jersey, den Saarinen 1962 gebaut hat, soll abgerissen werden, obwohl eine Bürgerinitiative dafür kämpft, das Gebäude zu erhalten. Noch dramatischer ist die Verschandelung des berühmten TWA-Terminals. Wie kein zweites Gebäude seiner Zeit vermochte es der expressive Bau der Trans World Airlines Eleganz und Romantik der Flugreise gestalterisch zum Ausdruck zu bringen. Seine „eero-dynamischen“ Kurvenformen machten das Terminal zu einer Ikone des Jet-Zeitalters. Direkt hinter dem verlassenen Meisterwerk ist derzeit eine neue Allerweltskiste für die Billigfluglinie Jetblue im Bau. Der Saarinen-Bau, die schönste Flughafenarchitektur der Welt, soll nur noch als Personalumkleide genutzt werden.

Die Frage „Kannst du mir ein Pferd malen?“ hat Saarinen übrigens auch als Erwachsener noch gestellt – beim Einstellungsgespräch für neue Mitarbeiter in seinem Büro.

Ausstellung: bis 18. März in Oslo, danach Brüssel, Cranbrook, Washington, Minneapolis, St. Louis, New York und Yale. Katalogheft 8 Euro. Monografie „Eero Saarinen – Realizing American Utopia“ (engl.), Yale University Press, New Haven 2006, 408 S., 65 Euro.

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