Kultur : Schöne Fremde

Er revolutionierte die Modefotografie und war ein Meister des Porträts – zum Tod von Irving Penn

Kai Müller

Was ist Klassizismus anderes, als Dinge aus der Gegenwart zu reißen, sie zu behandeln, als seien sie schon Geschichte, obwohl sie aktueller nicht sein könnten. Irving Penn war ein klassizistischer Fotograf. Was es eigentlich nicht geben kann. Ist doch die Fotografie das Aktualitätsmedium schlechthin.

Und relativ jung ist sie auch, als Irving Penn am 16. Juni 1917 in Plainfield, New Jersey, geboren wird. Die Geschichte von zwei Kindern geistert damals durch die Medien, die mit einer Plattenkamera Elfen abgelichtet haben wollen. Ein Betrug, wie sich herausstellt, doch verliert die neue Bildtechnik erst allmählich den Ruf, ein Spuk zu sein. Der Zweite Weltkrieg bringt ihr den Durchbruch als das Informationsmedium der Nähe und Schnelligkeit. Und auch Penn, der sich ab 1943 in New York bereits einen Namen als innovativer Modefotograf gemacht hat, stößt 1944 zur US-Armee, um den Feldzug in Italien zu begleiten.

Aber Penns anschließender Aufstieg zu einem der einflussreichsten Bildermacher seiner Zeit fällt nicht zufällig in eine Phase, da sich die Fotografie vom Exzess des Aktuellen erholt. Der Krieg ist vorbei, die Menschen wollen nicht mehr am Drama der Schlachtfelder teilhaben und das Elend aus nächster Nähe betrachten. Sie wollen Schönes sehen, auch wenn es ihnen fremd und bedrohlich erscheint. Für sie hat Penn die Lösung.

Ab 1946 wieder für die „Vogue“ tätig, erhebt er die Fotografie zur Kunstform, indem er sich die Akteure der neuen Zeit in sein Studio holt, um sie dort aus ihrem Umfeld und allem, was sie an die Gegenwart bindet, herauszulösen. So entstehen eindrucksvolle, transparente SchwarzWeiß-Porträts von Menschen, die zum Stillstand gekommen sind, und sei es nur für den Augenblick der Aufnahme – egal ob es sich um Aborigines, schlammverkrustete Dschungelkrieger aus Neuguinea oder Hippies handelt. Sein Stil ist elegant und aufgeräumt. Nichts überlässt er dem Zufall.

Ein Schlüsselerlebnis stellt für ihn eine Reise nach Peru dar, wo er nach einem Mode-Shooting ein altes Atelier mit Dachfenstern entdeckt und während der Weihnachtstage den ortsansässigen Fotografen ersetzt. Zu seinen Kunden gehören Bettler, Hirten, Bauern und einige Mütter mit Kindern. Was sie in der Stadt zu verkaufen haben, präsentieren sie auch dem fremden Amerikaner. Hier entwickelt Penn seinen oft kopierten imaginativen Stil, der sich, wie sein Mentor Alexander Libermann schreibt, „unberührt vom europäischen Manierismus zeigt“.

Penn-Porträts von Kulturgrößen des Jahrhunderts wie Picasso, W. H. Auden, Spencer Tracy, Truman Capote, Georgia O’Keeffe und Miles Davis haben sich ebenso ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie seine weiblichen Akte und ethnologischen Studien. Dass sein Werk dabei trotz aller technischen Brillanz auch den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit vermittelt, liegt an der großen Spannbreite seiner Interessen. Doch ist die Fotografie mit Penns Bildern im großen Stil in die Museen eingezogen.

1950 heiratet Irving Penn das Topmodel Lisa Fonssagrives, die er auch am liebsten fotografierte. Sie starb 1992. Am Mittwoch ist ihr Irving Penn gefolgt. Er wurde 92 Jahre alt.

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