Kultur : Schöne Hölle Jugend

Vor den Vätern verkommen die Söhne: Teenager-Dramen auf dem 14. Hamburger Filmfest

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich haben die beiden Studentenpärchen in jenen fernen finnischen Sommertagen jede Menge Spaß. Aber als Eero seinem Kumpel Timo die Freundin ausspannt, ist auch für den Witzigsten des Quartetts Schluss mit lustig – für einen langen Augenblick zumindest. Ein bisschen grinsen muss Timo aber doch, als er feierlich in die Kamera spricht: „Die Leute sagen immer, die Jugend sei die schönste Zeit im Leben. Hey, was für eine Hölle muss dann erst das Alter sein!“

Das Filmfest Hamburg ist, verglichen mit den Protagonisten von Mikko Niskanens „Tannenzapfen unter dem Rücken“ (1966), zwar noch ein echter Teenager – aber durch eine Art Höllchen geht es in seinem 14. Jahrgang schon. Erst geriet die Eröffnungsveranstaltung im Cinemaxx am Dammtor einigermaßen absonderlich, weil Moderatorin Maren Kroymann es sich in jedem Fettnäpfchen mit hanseatischer Gelassenheit gemütlich machte. Dann versetzte auch noch Gérard Depardieu seine Gastgeber: Der Weltstar hatte den Douglas-Sirk-Preis entgegennehmen sollen, war aber wegen Dreharbeiten zum neuen „Asterix“ plötzlich verhindert. Also mussten die Hamburger Fans mit Regisseur Xavier Giannoli und dem hübschen Depardieu-Film „Quand j’étais chanteur“ vorliebnehmen.

Manche Beobachter mochten dem sympathisch in mancherlei bunte Reihen ausufernden Festival und seinem Leiter Albert Wiederspiel vorab Profillosigkeit vorwerfen – ein virulentes und aktuelles Leitmotiv hatten die bemerkenswertesten Filme allemal. Die Hölle der Jugend, in Niskanens in der Finnland-Retro präsentiertem Klassiker noch als selbstironische Wendung zu verstehen, ist 40 Jahre später heiß. Sehr heiß. Mal funkelt sie in ungesunder Glut, mal brennt sie lichterloh. Die Jungen: allein gelassen oder zu früh in Erwachsenenkorsetten erdrückt. Die Eltern: eine abgedankte Generation. Verbraucht, unsichtbar oft, einfach ausgeknipst. Filmisch allenfalls noch als Zombie tauglich, als allein(nicht-)erziehende Autoritätsruinen, die die Flucht ins Saufen und Sekten-Beten antreten oder geradewegs in den Suizid.

Sebastian Schippers Eröffnungsfilm „Ein Freund von mir“ (Kinostart am 26. Oktober) passt, als Buddy-Komödie, scheinbar nicht ins Bild. Und hat doch, mit Daniel Brühl als viel zu früh ins Versicherungsangestelltenraster gestecktem Sensibling, jede Menge Ausbruchsmaterial. Und Jürgen Vogel als sein hyper-hibbeliges Pendant: Welcher erlebte Horror mag diesen gestandenen Kerl am Erwachsenwerden hindern? In Zackary Adlers ausgezeichnetem Spielfilmdebüt „I’m Reed Fish“ ist die Sache klar: Der blutjunge Lokalradio-Moderator Reed Fish (Jay Baruchel) tritt in einem amerikanischen Provinznest in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters und trifft, nach spannend quälenden Selbstfindungsprozessen, eine überraschende Entscheidung: Er ist nicht der Mann am Mikro, da mag er in seinem Kaff noch so populär sein, er wird den Kram hinschmeißen und einen ersten Film drehen: den Film übrigens, den wir gerade sehen.

Der vaterlose Reed Fish immerhin hatte noch einen krachledern agierenden, zigarrenrauchenden, whiskysaufenden künftigen Schwiegervater. Die 15-jährige Livia (Camille Varenne) in Claire Simons „Ça brûle“ (Es brennt) kann auf ihre Eltern, die seelisch erkaltet in der sonnigen Provence vor sich hinleben, gar nicht mehr zählen. Also ist sie ziellos auf ihrem Pferd namens E.T. unterwegs. Dem Feuerwehrmann (Gilbert Melki), der sie nach einem Unfall rettet, verfällt sie, nur weil er in einem Nebensatz ihre faktische Elternlosigkeit kritisiert. Er wird für Livia zum Ersatzvater, zum Fantasiegeliebten, und sie für ihn zur Stalkerin. Leider verliebt sich die Regisseurin bald in ihre allzu naheliegende Zielmetapher des Waldbrands, und die Pyromanie ersetzt die Psychologie.

Die heftigsten Festivalbilder für die globalfamiliäre Selbstdemontage hat der 34-jährige Holger Ernst in „The House is Burning“ (Kinostart 16. November) gefunden. Die traurigen Stars dieses packenden, am Ende eine Spur zu heftig packen wollenden Teenagerdramas: ein Junge, der bei der Armee vielleicht bald den Heldentod seines Army-Vaters stirbt; seine Freundin, die in den 24 Stunden vor seiner Einberufung alles auf null stellen will; ein Drogen-Kumpel, der vom frischen Sexualchaos profitiert; dessen Kumpel, der sich an die kleine Schwester der ratlosen Freundin heranmacht – und verlorene, abgemeldete Elternschemen allüberall. Scharf beobachtend wie Larry Clarks Filme nähert sich der von Wim Wenders’ Reverse Angle produzierte Erstling seinen intergenerationell beschädigten Figuren, nur anrührender und mitunter erschütternd.

Als der drogensüchtige Stecher Phil (Robin Lord Taylor) mit der Waffe vor einem Verkäufer rumfuchtelt, der ihm bereitwillig alles Geld rausrückt, scheint er nur noch auf einen Schlüsselreiz zum Abdrücken zu warten. Den liefert ihm der Mann hinter der Theke: „Junge, was würden deine Eltern dazu sagen?“

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