Kultur : Schöne Leich’

Barenboim dirigiert Elgar in der Philharmonie.

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Bei den Berliner Philharmonikern werden derzeit Edward-Elgar-Festwochen zelebriert. Nach der denkwürdigen Aufführung der 1. Sinfonie des Briten durch seinen Landsmann Donald Runnicles im Dezember und vor den Konzerten mit den „Enigma Variations“, die Rattle Mitte Februar leiten wird, setzt Daniel Barenboim das Publikum, die Musiker und sich selbst nun dem „Dream of Gerontius“ aus, einem Monumental-Oratorium aus dem Jahr 1900 mit pietistisch-viktorianischem Text, in dem es um das selige Entschlafen und die anschließende Himmelfahrt eines gläubigen alten Mannes geht.

An Pomp wird hier nicht gespart und auch nicht an Circumstance: Auf 100 Kehlen hat der Rundfunkchor Berlin seine Stammbesetzung aufgestockt, fast ebenso viele Philharmoniker sitzen auf der Bühne. Und in der Mitte thront auf einem extra hohen Podest Barenboim, als pater omnipotens. Mit souveräner Schöpfergeste leitet er die Massen durch die 90-minütige Partitur. Dabei beweist sich erneut, dass Elgars Musik am besten aufgehoben ist in den Händen von versierten Operndirigenten, vor allem wenn sie reiche Wagner-Erfahrung mitbringen wie Runnicles und Barenboim. Diese Kompositionen erschließen sich nämlich übers Atmosphärische.

Trotz der Riesenbesetzung ist „The Dream of Gerontius“ kein lautes Stück. Und so beeindrucken die Philharmoniker an diesem Abend vor allem durch ihre wunderbaren Piani, ein romantisch-inniges Spiel, das nicht sofort in die Tiefe will wie bei Brahms, sondern sanft an der Oberfläche schillert, sich dem Ohr anschmiegt wie ein seidiges Sofakissen. Rundfunkchor-Chef Simon Halsey weiß genau, wie seine Sänger sich ideal in dieses Stimmungsbild einfügen, ein wahrlich himmlischer Hörgenuss, vom fast tonlosen religiösen Raunen bis zur vokalen Darstellung des gleißenden Lichts.

Mit stählernem Tenor bewältigt Ian Storey die mörderische Partie des geriatrischen Protagonisten. Für einen besonderen Wow!-Effekt sorgt Kwangchoul Youn, wenn er plötzlich aus seinem Versteck zwischen Chor und Orchester hochfährt und Priesterworte mit prächtigem Donnerbass in den Raum schleudert. Ausgefallen ist Elgars Idee, den Engel nicht in Sopranhöhen zu führen, sondern mit einer Altistin zu besetzen. Anna Larsson umschwebt den Sterbenden wie eine liebende Mutter, auf Flügeln des Gesangs. Jauchzender Jubel. Frederik Hanssen

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