Kultur : Schöne neue Innenwelt

Der nächste Bücherherbst kommt bestimmt. Themen der Saison sind die deutsche Gegenwart und das Christentum

Jörg Plath

Kein Mensch kann in die Zukunft schauen. Umso eifriger werden die Zeichen des Kommenden gelesen. Einen Zipfel der näheren Zukunft verheißen dem Kulturjournalisten etwa die neuen Verlagsprospekte, die den Bücherherbst ankündigen. Worüber die deutsche Öffentlichkeit diskutieren wird, worüber mancher Zwist vom Zaun gebrochen und manche Allianz geschlossen wird, das verraten diese Prospekte der Publikumsverlage. Bereits die kursorische Lektüre fördert Erstaunliches zutage: Es steht eine nationale und religiöse Besinnung ins Haus.

Bücher sind noch immer die zentralen Medien gesellschaftlicher Selbstverständigung. 40000 Neuerscheinungen produziert der größte Buchmarkt der Welt allein bis Weihnachten – Auguren wären glücklich gewesen über eine solch große Zahl an Vogelflügen. Meist sorgt die Reichhaltigkeit des Datenmaterials zwar für Unübersichtlichkeit – zumal in der zweiten Jahreshälfte beinahe Mangel an Gedenktagen herrscht: Der 200. Geburtstag von Adalbert Stifter wird zwar im Nachsommer gewürdigt, aber richtigen Wirbel entfacht erst Mozarts 250. Geburtstag am 27. Januar 2006. Auch Heinrich Heines 150. Todestag am 17. Februar 2006 wird eingeläutet, und die Fußball-WM des Sommers wirft einen runden Schatten voraus.

Der Buchmarkt funktioniert nicht anders als die Börse: Gerechnet wird mit der Zukunft, es gibt Haussen und Baissen. Die Verlierer stehen schon fest: Die Warner vor der demografischen Alterung der Gesellschaft verstummen, vielleicht ja nur, um das nächste „Methusalem-Komplott“ auszuhecken. Abgewirtschaftet hat zudem jene Vergangenheit, die gerade erst Konjunktur hatte: Speer und er und die anderen haben Sendepause, sieht man von wenigen Nachzüglern ab. Die Flut von Romanen, Dokumentationen, (Auto-)Biografien und Briefen über das Leben im Nationalsozialismus ist verebbt, ebenso die große Zahl der Erinnerungen von Zeitzeugen, der Recherchen von Verwandten wie Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ sowie der Erfindungen von Nachgeborenen, ob sie nun Eva Menasse („Vienna“) oder Michael Wildenhain („Russisch Brot“) heißen. Ebenso ergeht es dem Islam, seit den Anschlägen vom 11. September ein Erregungsthema. Der Dialog der Kulturen verschnauft im Herbst.

Der vergangene Schrecken und der gegenwärtige Terror haben zwei Nachfolger, die seltsam gut zu den Zeiten des Wahlkampfs, der politischen Bilanz und Neuorientierung passen. Zum einen werden die zwölf braunen Jahre von den 40 bundesdeutschen und 15 gesamtdeutschen abgelöst: „Was ist deutsch“, fragt Hans-Dieter Gelfert (Beck), und Peter Reichel mustert die nationalen Symbole der zwei deutschen Staaten nach 1945 (Beck). Jens Bisky stellt „Die deutsche Frage“ (Rowohlt Berlin) und kommt zum selben Urteil über die Einheit wie Hannes Bahrmann und Christoph Links: „Am Ziel vorbei“ (Links). Auch die Schriftsteller stehen nicht zurück: Bei Arno Geiger finden drei Generationen einer deutschen Familie: „Es geht uns gut“ (Hanser). Ulrike Draesner lässt Liebes- und andere „Spiele“ seit den Olympischen Spielen 1972 passieren (Luchterhand), und Reinhard Jirgl zieht in seinem neuen Hades-Roman „Abtrünnig“ eine vernichtendes Resümee der Einheit (Hanser). Die Bundesrepublik besinnt sich auf sich selbst. Deutsche Gegenwart allüberall.

Wie fremd sich die Deutschen geworden sind in dem Jahr, in dem sie wahrscheinlich einen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhalten, führt Wolfgang Büscher vor Augen. Zuletzt war der Reporter nach Moskau gewandert, jetzt hat er die Bundesrepublik in drei Monaten zu Fuß umrundet. Das ist das Märchenmotiv des Bauern, der besitzen darf, was er an einem Tag umreiten kann. In Büschers „Deutschland, eine Reise“ (Rowohlt Berlin) geht es um Wiederaneignung, ums Heimischwerden. Alte Selbstverständlichkeiten sind erschöpft, neue entstehen.

Nationalistische Töne klingen bei dieser Wiederentdeckung der Nation übrigens nicht an. Für die Innenausstattung empfehlen die Verleger, das ist das zweite große Thema des Bücherherbstes, vielmehr die Religion – nicht den Islam, sondern die Hausmarke, das Christentum. Nur ein kleiner, lautstarker Teil dieser Veröffentlichungen verdankt sich der Papstwerdung der Deutschen. Schnellschüsse sind von Heilsgeschichtlern wie Hans Küng (Piper), Klaus Berger (Insel) oder Ulrich Körtner (Beck) nicht zu erwarten, auch Jürgen Habermas denkt langfristiger. Nach seinem Aufsehen erregenden Gespräch mit Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., weist der Pontifex Maximus der kommunikativen Vernunft der Religion einen Platz im Projekt der Moderne zu: „Zwischen Naturalismus und Religion“ (Suhrkamp). Mit von der Partie sind auch der Romanist Hans Martin Gauger, der sich in „Vom Lesen und Wundern“ (Suhrkamp) über das Markus-Evangelium beugt, der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke, der ein „Unglaubensgespräch“ führt, der Historiker Lucian Hölscher (beide Beck) sowie der Politologe Otto Kallscheuer, der sich „Die Wissenschaft vom lieben Gott“ ansieht (Andere Bibliothek). Die Religion feiert ihr Comeback – und wird problematisiert.

Intellektuelle Produkte brauchen Zeit: Alle diese Bücher wurden vor mindestens einem Jahr von den Verlagen angenommen, noch länger haben die Verfasser sich mit ihnen beschäftigt. Umso erstaunlicher, dass so viele zu übereinstimmenden Einschätzungen gelangt sind. Denn diesmal fehlt ein bündelndes Marktphänomen wie der 60. Jahrestag des Kriegsendes. Die bundesdeutsche Gegenwart und das Christentum – was für eine Konstellation. Eine neue „geistig-moralische Wende“? Wird sie von außen mit Brisanz aufgeladen: von der Bundestagswahl, der Europa-Debatte, den UN-Ambitionen? Ist die deutsche Besinnung die notwendige Begleitmusik zu Europa und der Globalisierung? Es kommt in diesem Herbst mehr als sonst auf die Konstellationen an, in denen Disparates zueinander tritt – und plötzlich Sinn ergibt.

Die Künstlerin, Jahrgang 1969, begann vor sechs Jahren nach dem Abschluss ihres Malereistudiums an der Münchner Kunstakademie mit der Fotografie . Seitdem stellt sie in den großen Museen und Ausstellungshäusern aus.

Die Kinderbildnisse der gebürtigen Dresdnerin faszinieren mit ihrer Coolness und Abgründigkeit. Die Mädchen und Jungen erscheinen wie aus der Zeit gefallen, kleine Erwachsene, ernsthaft, mit altmodischer Kleidung. Der Hatje Cantz Verlag Stuttgart widmet den Fotografien von Loretta Lux nun erstmals einen Bildband (35 Euro). NK

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben