Kultur : Schöne neue Welt

Eine Fotoausstellung in Adlershof untersucht die „Fiktion Berlin“

Hans-Jörg Rother

Schneidend scharf reißt der Abrissbagger mit seinem Zangengreifer Dach und Wände des „Ahornblattes“ beim Spittelmarkt auseinander, nachdem die Denkmalschützer den Kampf um den Experimentalbau verloren haben. Der Anblick fährt dem Betrachter des Videos von Til Vanish und Eve Hurford durch Mark und Bein, und die Bildschirme daneben scheinen ihn noch zu verspotten. Da gleiten Segmente von Plattenbauten mal senkrecht, mal waagerecht aneinander vorbei, und es bedürfte nicht der rasanten Temposteigerung des Schnitts, um den Titel „Alles wird gut“, als Ironie zu verstehen.

Nichts wird gut, alles geht zu Bruch, ist auch die Botschaft der Serie meist schwarzweißer Stadtansichten, die Christian von Steffelin in den Neunzigern aufnahm. Das Hotel „Stadt Berlin“, der Jugendtreff am Alex, das Palasthotel, vertraute Stätten der Ostberliner, fallen in Trümmer. In der Ruine des DDR-Außenministeriums kommt von Steffelin gerade noch zurecht, um das prächtige Wandbild einer Sonne zu verewigen, bevor auch das in tausend Teile zerrissen wird. Kai-Olaf Hesse ergänzt diese Sicht durch farbige Projektionen der Großbaustelle Berlin: Pfützen, Bierdosen und Absperrgitter sind fast satirisch in den Vordergrund gerückt.

Einen Alptraum hat die Kuratorin Simona Mehnert unter dem Titel „Fiktion Berlin“ in der Galerie in der alten Schule in Adlershof inszeniert und sich dafür die Belegstücke aus der jungen Foto- und Videoszene organisiert. Sieben Künstler, fast alles Zugezogene aus der Provinz, reiben sich an der Wirklichkeit der Stadt aus östlicher Perspektive. „Ich habe das Gefühl, es kann doch nicht alles real sein, es ist bloß eine Kulisse, eine bloße Erscheinung“, beschreibt die Kuratorin die Stimmung, die hinter der Suche nach gleichgesinnten fotografischen Zeitzeugen stand.

Das Neue fehlt in dem Blick keineswegs, aber es wird, am wirkungsvollsten in Martin Zellers farbschimmernden Nachtaufnahmen der neuen Architekturschöpfungen, als eine Vision gedeutet, die man – wie die DJs und deren Gäste in Dirk Plamböcks Streiflichtern aus Technoclubs – eher somnanbul durchtanzt als nüchtern mustert. Die in hypermodernen Bürobauten agierenden Jungarchitekten deutet der Leipziger Maix Mayer im Video „Die Welt des Tropisten“ als Schattenwesen von einem anderen Planeten.

Simona Mehnerts gedankenreiche Ausstellung provoziert das Selbstbewusstsein der Hauptstädter. In Prag, wo „Fiktion Berlin“ vor einem Jahr in der Galerie „kritikus“ Aufsehen erregte, konnte man eine solche entschiedene Sichtweise als Anregung zum Vergleich mit der eigenen, gemütlicheren Situation gut gebrauchen. In Berlin mag sich mancher über die Lücken der Darstellung und die gewollte Perspektivverschiebung von West nach Ost ärgern. Oder es ist ihm, auf der Fahrt zurück, ein Nachdenken über die neuen Talente wert.

Kunst- und Medienzentrum Adlershof, Dörpfeldstr. 56, bis 2. September. Mo, Di, Do 11–19 Uhr, Fr 11–17 Uhr, So 14–19 Uhr

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