Kultur : Schöne Schoner

Kunstfest Weimar: Die Kibbutz Contemporary Dance Company

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Sie hüpfen auf ihren Betten, fliegen mit ausgebreiteten Armen oder sichern sich federnd ab. Die nur mit Unterwäsche bekleideten Tänzer stellen sich aber nie aus. Statt um Erotik geht es in den Beziehungsspielen stets um den Sinn. Eigentlich ist dies ein sattsam bekanntes Thema für Tanztheater: die Suche des Individuums nach seinem Ort. Körper- und Raumerkundungen von Männern und Frauen in den unterschiedlichsten Konstellationen, das kennt man, wenn auch nicht mit diesem ironisch sicheren und aufregend kräftig variierten Bewegungsrepertoire. Was die Kibbutz Contemporary Dance Company zeigt, ist von großer Kraft und starker Originalität. Die einzigen Requisiten im leeren Raum sind sechs französische Liegen.

„Screensaver“, Bildschirmschoner, heißt das Programm. Nachdem es im April in der Oper von Tel Aviv seine umjubelte Premiere hatte, entwickelte es sich in Israel zu einem Sensationserfolg. Weil es sich zwar mit dem Thema von Gewalt und Gegengewalt auseinandersetzt, aber sich zugleich dem verständlichen Wunsch stellt, die unerträgliche Realität zeitweilig auszublenden. Nicht Gewalt und Gegengewalt werden vorgespielt. Es dreht sich vielmehr um (scheinbar) feste Positionen, falsche Sicherheiten, Selbstbehauptung und die Herrschaft über andere.

Zweifel und Liebe

Der 1970 im Kibbuz Ga’aton nahe der libanesischen Grenze gegründeten, dort auch ansässigen israelischen Gruppe geht, seitdem der Choreograph Rami Be’er sie künstlerisch prägt, der Ruf voraus, sie zeige in ihren Choreographien ein authentisches Bild der israelischen Gesellschaft. Dabei erzählt sie auch in „Screensaver“ bewusst keine einzelne und klare Geschichte, weder historisch noch gesellschaftlich konkret. Sie erkundet vielmehr Beziehungen. Dazu werden zuerst als diffuser Buchstabenwirbel und zum Schluss, wie auf eine Grabplatte, ganz deutlich Gedichtzeilen des Autors Yehuda Amichai projiziert: „Der Ort, an dem wir Recht haben,/ ist zertrampelt und hart/ wie ein Hof./ Zweifel und Liebe aber/ lockern die Welt auf/ wie ein Maulwurf, wie ein Pflug“.

Musikalisch arbeitet die Choreographie allerdings aufdringlich plakativ. Gegen barocke Lautenmusik, die gelegentlich von schrillen Dissonanzen und leisen MG-Geknatter gestört wird, dröhnt in den heftigen Passagen des Stücks aggressiv laute Musik. Und gegen eine Unschuld im weißen Kleid, die mit fließend weichen Bewegungen den Boden mit einem zarten Teppich auszulegen sucht, tanzt eckig-tapsig eine wie ein Astronaut eine völlig in silbrige Montur verhüllte, anonyme Person scharf kontrollierend an.

Weimar fördert den Tanz

Die vielen Videoprojektionen, die unentwegt wie abstrakte Muster oder Schraffuren über die Bühne geworfen werden, sind keine Bebilderungen, sondern Assoziationsangebote. Der Zuschauer meint gelegentlich Häuser, dann einzelne Gesichter, auch einmal bewaffnete Soldaten oder einen Hubschrauber zu erkennen. Witzige Passagen fangen die Choreographie, die zu plakativer Eindeutigkeit neigt, immer wieder spielerisch auf. Und als Zugabe präsentierte die großartig aufgelegte Kibbutz Dance Company zu dem Song „I could have danced all night“ eine elegante Chorus Line.

Tanz war der Schwerpunkt beim diesjährigen Weimarer Kunstfest. Trotz hochkarätiger Gruppen aus New York, Montreal und Barcelona: Die Kibbutz Contemporary Dance Company hinterließ den stärksten Eindruck. Hartmut Krug

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