Kultur : Schöner spielen

Junges Genie aus Venezuela: Gustavo Dudamel dirigiert heute die Berliner Staatskapelle

Philipp Lichterbeck

Es ist nur eine Episode, aber sie verdeutlicht, warum der junge Dirigent Gustavo Dudamel die Klassikwelt Kopf stehen lässt. Rund zwei Dutzend Kinder sitzen vor der Musikschule seiner venezolanischen Heimatstadt Barquisimeto unter einem Baum und veranstalten mit ihren Violinen eine Kakophonie, dass einem die Zähne schmerzen. Dudamel tritt neben die verzweifelte Leiterin und bittet die Kinder, gerade zu sitzen. Es folgt der Hinweis, dass Mozarts Musik Freude sei; die Kinder könnten sie spüren, wenn sie beim Spielen zu lachen versuchen. Dudamel hebt den Arm – und auf einmal musiziert das kleine Orchester mit Fahrt und fast wie aus einem Guss.

So macht Dudamel es immer. Ob er ein Kinderorchester oder – wie heute – die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim am Klavier vor sich hat: Der 26-Jährige mit den pechschwarzen Korkenzieherlocken will seinen Musikern Emotionen entlocken: Sie sollen Freude, Glück, Trauer und Hoffnung in den Noten entdecken und die Zuhörer teilhaben lassen. Dass das dem Südamerikaner gelingt, zeigen nicht nur die enthusiastischen Reaktionen der Presse. Es sind die Musiker selbst, die in Dudamel einen erfrischend neuen Typ von Dirigent erkennen.

Als die Los Angeles Philharmonic im Frühling bekannt gab, dass Dudamel das Orchester ab 2009 übernehmen werde, brach man dort in Jubel aus. Beim Chicago Symphony Orchestra, wo man ebenfalls einen neuen Dirigenten gesucht hatte, war man hingegen tief enttäuscht, wie die Musiker in E-Mails schrieben. Und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart wünschte sich ausdrücklich den Venezolaner auf dem Dirigentenpult, als es im April zum 80. Geburtstag des Papstes im Vatikan spielen durfte. Dudamel wollte sich damals nicht äußern, der Papst stehe im Mittelpunkt, ließ er ausrichten. Trifft man ihn, fällt sie sofort auf: Bescheidenheit, die sich paart mit Herzlichkeit und Begeisterung. Dudamel fasst einen beim Arm, lädt zum Mittagessen oder zum Videogucken ein. Was dann geschaut wird, sind die Konzerte anderer Dirigenten. Betritt Dudamel allerdings das Pult, ist er wie elektrisiert: Sein Körper spannt sich wie ein Bogen, die langen Locken zittern, und zugleich behält er stets die Kontrolle über seine Orchester.

Dudamel befreit die klassische Musik vom Anspruch, erhaben sein zu müssen. Mit seinem ersten eigenen Orchester, der Jungen Sinfonie Venezuela, die auch mal in blau-gelb-roten Trainingsanzügen auftritt, entfacht er regelmäßig Begeisterungsstürme. In München stand das Publikum mal auf den Stühlen, in Berlin wurde getanzt, nachdem Dudamel und seine mehr als 200 Musiker mit karibischem Elan durch Tschaikowskys Fünfte gebrettert waren, ohne Abstriche an Technik oder Eindringlichkeit. Denn bei allem Spaß: Dudamel ist Perfektionist. Einem Cellisten, der ihn einmal auf einen Fehler hinwies, antwortete er: „Sorry, das wird mir nie wieder passieren.“ Da wusste der Cellist, dass der Fehler tatsächlich nie wieder passieren würde.

Barquisimeto, wo Dudamel geboren wurde, ist eine Millionenstadt im Norden Venezuelas. Seine Eltern stammen aus einfachen Verhältnissen, aber Dudamel hat sich nicht aus einem Slum herausgespielt, wie die Zeitungen gerne schreiben – wohl um seinen Aufstieg noch wundersamer erscheinen zu lassen. Der Vater, selbst musikbegeistert, brachte den vierjährigen Gustavo in eine staatlich geförderte Musikschule. Überall in Venezuelas entstanden damals diese Schulen, in denen Kinder gratis Instrumente und Unterricht erhalten. Dahinter steckt die Stiftung Fesnojiv, die in Venezuela kurz „el sistema“ genannt wird. Sie will armen Kindern durch die Musik eine Perspektive geben. „Ihr verdanke ich alles“, sagt Dudamel und meint es auch so.

1975, als Fesnojiv gegründet wurde, gab es in Venezuela zwei Symphonieorchester, in denen fast nur Europäer und Nordamerikaner spielten. Heute exportiert Venezuela Musiker in alle Welt. Fast eine halbe Million Kinder haben Fesnojiv, das der Staat jährlich mit 21 Millionen Euro unterstützt, bisher durchlaufen. Der Chef der Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, nennt es „das aufregendste Ding, das derzeit in der klassischen Musik auf dem Globus passiert“. Einmal, nach einem Auftritt der Venezolaner in Berlin, stellte sich Rattle im Foyer neben Dudamel – zwei ungleiche Brüder, der hellgrau gelockte Rattle und der dunkel gelockte Dudamel. Da sagte der Blonde scherzhaft zu dem Dunklen: „Eigentlich sollten wir etablierten Dirigenten ja eine Heidenangst vor dir haben.“ Im Foyer wurde gelacht und genickt.

Heute, 20 Uhr, Philharmonie

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