Kultur : Schöner sterben

Ulrike Nürnberger

Was die Kunst des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts betrifft, kam es in den letzten Jahren immer wieder zu neuen Entdeckungen. Ein Beispiel dafür ist der Antwerpener Maler Eugeen van Mieghem (1875-1930). Mit knapp 90 Werken - alles Leihgaben des nach dem Künstler benannten Museums und des Stedelijk Prentenkabinets in Antwerpen - gibt dieser in Deutschland nahezu unbekannte Künstler nun im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum sein Debüt. Der Ausstellungsort ist gut gewählt, denn van Mieghems graphisches Werk zeigt viele Gemeinsamkeiten mit dem µuvre der Kollwitz. Obwohl zurückhaltender im Ausdruck, zeugen seine Milieustudien ebenfalls von sozialkritischem Engagement und drastischem Realismus.

Als Sohn von Gastwirten im Antwerpener Hafenviertel aufgewachsen, erlebte Eugeen van Mieghem die Umbrüche seiner Zeit auf hautnahe Weise. Durch die Erweiterung des Hafens avancierte Antwerpen zur internationalen Handelsmetropole und wurde zur wichtigsten Drehscheibe für Auswanderer auf dem Weg in die Neue Welt. Ihren Geschichten widmet der Maler sein Werk. So schildert er in seinen Bildern etwa die mit den Veränderungen einhergehenden sozialen Spannungen. Entgegen dem Fortschrittsglauben und der Technikverherrlichung seiner Zeitgenossen prangert er schon früh die Schattenseiten der Industrialisierung an. Er zeigt in seinen Bildern unromantische Hafenansichten oder auch authentisch wirkende, grobe Arbeiterporträts, die keineswegs den Geschmack des konservativen Antwerpener Publikums trafen.

Zu seinem Motivkreis gehörten Auswanderer, meist Juden, die zwischen 1900 und 1908 vor den in Osteuropa erneut aufflackernden Pogromen und dem sozialen Elend geflüchtet waren und im Antwerpener Hafen auf ihre Abreise warteten. Auch die Schrecken des Ersten Weltkriegs, den er selbst aus Flüchtlingsperspektive erlebte, hielt van Mieghem auf Papier fest. Hinzu kommen Porträts seiner von Krankheit gezeichneten Frau Augustine, die 1905 mit nur 24 Jahren an Tuberkulose starb. Dieser Zyklus wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt und erregte Aufsehen in der Fachwelt, da er zu den konsequentesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit Krankheit und Tod gehört.

Zeitlebens war der französische Kunsteinfluss für den Flamen bestimmend. Zunächst geprägt von Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas und vor allem von Théophile-Alexandre Steinlen wurde sein Stil zunehmend härter. Die Pastelle und Kreidezeichnungen sollten unter keinen Umständen gefällig erscheinen. Van Mieghems Vorliebe für braune Töne und Schwarz entsprechen seiner düsteren Themenpalette. Die Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Missständen sowie die ungefilterte Sicht auf sein Umfeld mit dem Mut zur Hässlichkeit lösen van Mieghem aus dem Kreis der Symbolisten und den "idealisierenden" Realisten um Jean François Millet heraus und zeigen ihn als Vertreter der belgischen Moderne. Schicksalsschläge, Krieg und vielleicht auch seine eigensinnige Themenwahl verhinderten schon zu Lebzeiten seine Anerkennung.

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