Kultur : Schöner sterben

Pornografie, Blasphemie, Utopie: Eine Hamburger Ausstellung zeigt Christusdarstellungen in der Fotografie

Christina Tilmann

Zuletzt haben wir ihn in Peter Jacksons „Herr der Ringe“ gesehen: ein schmales, blasses Gesicht, umrahmt von dunklen Locken, dazu ein kleidsamer Bart, helle, blaue Augen. Aragorn, Arathorns Sohn, der verstoßene und im dritten Teil der Trilogie wieder in sein Recht eingesetzte König von Mittelerde, ist in der Darstellung von Viggo Mortensen eine Christusfigur par excellence: ein milder, leidender Weltherrscher, tapfer, männlich, aber nicht gewalttätig. Weiter noch waren kurz zuvor die Brüder Larry und Andy Wachowski in „The Matrix Revolutions“ gegangen, als sie Neo, dem Auserwählten, einen christusähnlichen Opfertod gewährten. Mit ausgebreiteten Armen, von Licht umstrahlt, stirbt Keanu Reeves den Heldentod zur Rettung der Menschheit.

Christusbilder sind populär – im Science-Fiction-Film wie in anderen Künsten. Den Christusdarstellungen in der Fotografie ist nun eine Ausstellung gewidmet, die die Hamburger Deichtorhallen vom Israel-Museum in Jerusalem übernommen haben. Dabei wirkt das Thema nur so lange verwunderlich, wie man an den dokumentarischen Gehalt der Fotografie glaubt: Gewöhnlich hat die Fotografie ein reales Vorbild. Zumindest ist der Fotograf, anders als der Maler oder Dichter, darauf angewiesen, die Szene, die er ablichten möchte, real im Studio nachzustellen. In der noch prüden Frühzeit der Fotografie brachte das Probleme mit sich, sobald man Christus, wie in der christlichen Tradition üblich, nackt am Kreuz darstellen wollte. Gemalte Genitalien in altniederländischen Kreuzigungsbildern wurden durchaus hingenommen. Jedoch fotografierte göttliche Geschlechtsorgane in nachgestellten Todesszenen: ein Sakrileg. Dass man zur gleichen Zeit das Motiv der büßenden Maria Magdalena voller Begeisterung aufgriff, um eine nackte, nur von ihren Haaren umhüllte Frau in voller Schönheit zu zeigen, steht auf einem anderen Blatt.

Von diesen Sorgen hat sich die moderne Christus-Fotografie längst freigemacht – von dem Anspruch, die Szenen des christlichen Leidenswegs zur religiösen Erbauung des Publikums möglichst realistisch darzustellen, allerdings auch. Moderne Christusdarstellungen sind immer Uminterpretationen. Das zeigt die Hamburger Ausstellung mit ihren 150 Exponaten zwar nicht umfassend, aber exemplarisch. Da wird das letzte Abendmahl bei dem Fotografen Adi Nes zur Henkersmahlzeit israelischer Soldaten vor dem Kampf. Rauf Mamedov aus Aserbeidschan lädt Mongoloide zu Tisch. Annie Leibovitz versammelt die Darsteller der Fernsehserie „Die Sopranos“, und die britische Künstlerin Sam Taylor-Wood tafelt ganz einfach mit ihren Freunden. Die Kreuzabnahme stellt der israelische Fotograf Boaz Tal mit der eigenen Familie nach, das jüngste Mitglied, der kleine Sohn auf dem Töpfchen, fotografiert die Szene.

Marina Abramovic inszeniert 1983 in Bangkok eine Performance „Anima Mundi“, die in Tod und Erlösung endet. Und in einem eindrucksvollen Video zeigt wiederum Sam Taylor-Wood, wie unbequem die Haltung der Pietà ist. Minutenlang hält sie, auf eine Treppe gelagert, einen Kollegen im Arm – bis die Arme beginnen, sich zu verkrampfen, der Kopf nach unten sinkt, die Füße einschlafen. Der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov zieht das Thema schließlich vollends auf die sozialkritische Ebene: Sein Christus ist ein Obdachloser mit entblößtem Oberkörper, der im harten russischen Winter erfroren ist.

Polemischer sind Collagen aus der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts, die neben Zeitkritik auch deutliche Kirchenkritik üben: Man Ray, der in seinem „Monument à Sade“ von 1933 einen nackten Hintern mit einem Kreuz umrahmt, John Heartfield, der, angelehnt an eine mittelalterliche Folterszene, einen nackten Mann aufs Hakenkreuz flicht (1934), Paul Strand, der ein Skelett ebenfalls ans Hakenkreuz nagelt (1936), oder Joel-Peter Witkin, der Pferde oder Affen kreuzigt. Eine Polemik, die nicht unbegründet ist: Denn dass das zentrale Glaubenssymbol des Christentums ein Folterinstrument ist und bei aller Verehrung von Tod und Erlösung untergründig auch eine sadistische Lust am Leiden mitschwingt, bringen beispielsweise auch pornografische Fotografien vom Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Punkt, mit ans Kreuz gefesselten nackten Frauen.

Doch gleichgültig, ob ein weiblicher, schwarzer, schwuler oder mongoloider Christus: alle Polemik, alle Neuinterpretation und Inszenierung wirkt aus heutiger Sicht merkwürdig schal und abgestanden. Der Wunsch oder auch die Befürchtung der Ausstellungsmacher, diese Schau möge noch einmal Skandal und Empörung auslösen, wird sich wohl kaum erfüllen. Denn die nachhaltigeren, schmerzhafteren und somit skandalöseren Bilder hat in jedem Fall die Wirklichkeit hervorgebracht. Die Ausstellung zeigt einige von ihnen: den toten Che Guevara, aufgenommen aus der gleichen Perspektive wie Mantegnas „Toter Christus“, den erschossenen Robert F. Kennedy, der mit ausgebreiteten Armen lichtumstrahlt am Boden liegt, den toten Benno Ohnesorg auf der Straße vor der Deutschen Oper. Oder einen ermordeten streikenden Arbeiter auf den Straßen von Mexiko, fotografiert von Manuel Alvarez Bravo. Inszenierte Bilder auch dies, die auf die gesellschaftliche oder politische Opferrolle verweisen. Gleichzeitig lassen sie sich als Zeichen eines fortdauernden Konflikts lesen, in dem sich die Frage nach der Gültigkeit christlicher Werte immer neu stellt. Die Bilder des bärtigen, verwahrlosten Saddam Hussein kurz nach seiner Festnahme sind nur das letzte Glied in dieser Kette.

Corpus Christi. Christus-Darstellungen in der Fotografie 1850-2001, Hamburg, Deichtorhallen, bis 12. April 2004. Katalog (Edition Braus) 29,90 Euro

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