Kultur : Schönes Sterben

Morbid, aber amüsant: „Das Werk“ von Elfriede Jelinek und „Die Zeit der Plancks“ von Sergi Belbel im Wiener Burgtheater

Petra Rathmanner

In Wien, da ist der Tod daheim. Die ganze Stadt sei ein „Aphrodisiakum für Nekrophile“, meinte einmal André Heller. Und nun wird auch auf den Theaterbühnen mit frischer Lust gestorben: Gleich zwei neue Stücke zeigen makabere Totentänze, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

In „Die Zeit der Plancks“, einer schwarzen Komödie des katalanischen Erfolgsdramatiker Sergi Belbel, flieht die Seele brav aus der Bettstatt, die freilich so riesig ist, dass sie fast die ganze Burgtheater-Bühne ausfüllt. Darin thront Peter Simonischek als Vater Planck, gehegt und gepflegt von seiner Frau (Kirsten Dene) und vier Töchtern. Ein wenig erinnern sie an die hypernervösen Frauen eines Pedro Almodovar. Im Lauf des Abends wird der Patriarch sanft entschlafen. Um alsbald wieder geboren zu werden.

Solch friedliches Sterben ist nichts für eine Autorin wie Elfriede Jelinek. Bei ihr geht es elementarer zu – abgerissene Beine und Armstümpfe werden auf die Bühne geworfen, in Kühlschränken gelagert und schließlich weggeschmissen. In Jelineks neuem Stück „Das Werk“ wird das Sterben von Hunderten verhandelt: Von den Arbeitern, die beim Bau des Kraftwerks in Kaprun ums Leben kamen, und von den Touristen, die im November 2000 bei einem Seilbahnunglück in Kaprun verbrannten. Wie Zombies kehren die Arbeiter und die Urlauber an den Ort der Katastrophe zurück, um ihr Lamento anzustimmen. Die Bühne im Akademietheater der Burg ist ein Kraftwerk im Hochgebirge: Die steile Staumauer im Hintergrund, an beiden Seiten Glaskästen, die an die Aussichtsterrassen von Kaprun erinnern, dazwischen ein mit Wasser gefülltes Becken.

Kaprun zählt immer noch zu den wichtigsten Speicherkraftwerken Europas. Fertiggestellt wurde das Kraftwerk im Jahr 1956, es galt als fulminantes Symbol für den Wiederaufbau – wobei Nachkriegsösterreich verdrängt hat, dass während der NS-Zeit beim Bau hunderte Zwangsarbeiter elend zugrunde gegangen sind. Davon berichtet Jelinek in ausufernden Monologen ohne Handlung. In ihren Wutwortschwall baut die Autorin Zitate aus Kultur, Politik, Medien und Sport ein, die von Heidegger bis Hermann Maier reichen. Der Wiener Uraufführung aber gelingt etwas Unerwartetes: Sie bringt in den bleischweren Stoff einen lässigen Rhythmus, der einen nicht mehr loslässt.

Nicolas Stemann hat „Das Werk“ wie ein Dirigent als Partitur ausgelegt: Mal fließt der Text dahin, mal werden die Stakkato-Sätze mit Tempo im Duett skandiert, um bald wieder ruhig dahinzuplätschern; dann hagelt es Wiederholungen oder setzt Pausen. Mit knalligem Cheerleader-Gehopse und reichlich Gesang – von deutschem Pop bis Schubert (Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel) – hat die Inszenierung mehr Ähnlichkeit mit einer musikalischen Revue als mit einem Requiem. Stemann kultiviert eine Leichtigkeit, die dem vor zwei Jahren verstorbenen Einar Schleef, dem Jelinek das Stück gewidmet hat, wohl fremd gewesen wäre. Einen Chor, Schleefs Spezialität, gibt es allerdings auch hier: den Chor der Arbeiter. Ansonsten sind die Figuren, die Namen wie aus einem Schauermärchen tragen (Heidi und Geißenpeter, Hänsel und Tretel) in Dreiergruppen arrangiert. Verkörpert von den jüngsten Schauspielern des Ensembles, sehen sie mit ihrem 70er-Jahre-Styling aus wie hippe Popbands, die Textbrocken ganz unprätentiös frontal ins Publikum schmettern. Dazwischen tritt Libgart Schwarz als wunderbar zerstreute „Autorin“ auf, der das Stück entgleitet – und die am Ende mit den Toten spricht. Ihr zur Seite stehen im Schlussbild zwei Jungschauspieler: Als trauernde Mütter verkleidet, zupfen sie die Gitarre und heben mit verstellter Stimme einen todtraurigen Singsang an. Auch so kann ein Jelinek-Stück klingen: federleicht, ironisch, frech.

Mit einem reichlich makaberen Song fängt auch Sergi Belbels Todesstunde in „Die Zeit der Plancks“ im Burgtheater an: Maria Happel singt über die so genannte Planck-Sekunde, begleitet von einer weiß geschminkten Combo, die im Post-Weill-Stil schrummt (Musik: Jörg Gollasch). Der reale Physiker Max Planck hatte einst mit einer unvorstellbar winzigen Zeiteinheit – zehn hoch minus 43 Sekunden – die kleinste Zeitspanne zwischen dem Nichts und dem Urknall berechnet. Diese Quanten-Zahl wird zur Zauberformel, mit der Happel, als jüngste Tochter des sterbenden Vaters Planck (Peter Simonischek), das Rätsel des Todes lösen möchte. Vergebens, selbstverständlich. Trotz solch’ seriöser Fragen ist das Stück aber eine gut gebaute Familienkomödie, die Regisseur Philip Tiedemann elegant auf die Bühne bringt: Vier Schwestern erleben allerlei Turbulenzen – die eine ist ungewollt schwanger, die andere unglücklich verliebt und so fort. Mit Gespür für Effekte und Stimmungen sorgt Tiedemann dafür, dass aus der Familienfarce ein charmant kurzweiliger Abend wird. So wird im Kreis der Lieben gestorben: Verspielt, verträumt und ein wenig melancholisch. Ganz zum Wienklischee passend.

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