Kultur : Schönheit des Scheiterns

Hollywood bringt wieder große Männer ins Kino. Über den Boom der Filmbiografien in Zeiten der moralischen Krise

Georg Seesslen

Im amerikanischen Kino häufen sich derzeit die biopics: Filme, die das Leben eines realen Menschen nachstellen: des Flugzeugkonstrukteurs, Unternehmers und Filmemachers Howard Hughes (in „The Aviator“), des Erfinders der Soul-Musik, Ray Charles, des Malers Modigliani, der Swing-Legende Bobby Darin oder der Schriftstellerin Sylvia Plath. Der Zuschauer erlebt sie im Kampf mit den Aufgaben, die das Talent ihnen übertragen hat, und mit der Gesellschaft, die sich davon nicht verwirren lassen will. Lauter Filme für ein Publikum, das sich sonst nicht gern in einem Blockbuster erwischen lässt. Besonders die Künstler-Monografien gelten als etwas Feines.

Biopics sind ein Angebot für bessere Leute in schlechteren Zeiten, geht es doch um leuchtende Vorbilder, melancholische Etüden über Leben und Werk, fröhliche Erfolgsstory oder Dramen vom Scheitern. Dabei sind die Protagonisten nicht einfach reale historische Gestalten; echte Helden gibt es ja auch im Western, Gangster- oder Kriegsfilm. Biopics haben vielmehr eine spezielle Art, Glanz und Tragödie des „großen Menschen“ zu beschreiben.

Ihr Ziel ist vielmehr die Balance zwischen europäischem Geniekult und amerikanischer success story, und eine zwischen Mythos und Psychologie. Der Glaube an den großen Menschen muss begrenzt werden, denn in der amerikanischen Kultur kommt die eigentliche Kraft immer aus dem Volk. John Ford hat in „Young Mr. Lincoln“ solch eine Muster-Biografie entworfen: Mann aus dem Volk wird zum alles entscheidenden Subjekt der Geschichte. Und Vincente Minnelli formte in seinem Van-Gogh-Film „Lust for Life“ den europäischen Genie-Glauben amerikanisch um. Das war schon immer die Kunst des biopics: Aus der Todessehnsucht, die den Mythos des Helden bestimmt, „Lust aufs Leben“ zu gewinnen. Nur so konnten Kerle wie Kirk Douglas oder Ed Harris Künstler spielen.

In der europäischen Genie-Konstruktion zahlt der Künstler, der Politiker, der Forscher einen hohen Preis für seine historische Bestimmung. Er muss erst sterben, bevor die Gesellschaft ihn integriert. Das Leiden des Außergewöhnlichen in einem amerikanischen biopic entstammt dagegen meist seinem Konflikt mit Familie und Gesellschaft. Howard Hughes oder Ray Charles werden von starken Müttern, abwesenden Väter und ignoranten Mitmenschen zu ihren Höhenflügen getrieben. Todessüchtig sind sie kein bisschen.War Gérard Philippe als Modigliani im französischen Film „Montparnasse 19“ (1957) ein todromantischer Träumer, ist Andy Garcia in der amerikanischen Version ein extrovertierter Selbstdarsteller. Im US- biopic sehen wir Menschen bei der Produktion von Selbstbildnissen zu.

Zwar hat es zuletzt an solchen Filmen nicht gefehlt, von „Malcolm X“ über „ I Shot Andy Warhol“ und „Frida“ bis „Ali“. Die aktuelle Welle ist auch nicht die erste ihrer Art: In Zeiten der nationalen Krise hält sich Hollywood gerne an Bilder vom großen Menschen. Aber die jetzige Krise der USA ist nicht eine der Macht und der Mehrheit, sondern der Minderheiten, der Opposition. Diesmal braucht die andere Hälfte Trost. Deshalb kommt die Sehnsucht nach echten Helden als Melodram der Dissidenz daher und nicht als Epos der Erlösung. Die neuen biopics bringen den zornigen Trotz und die Ohnmacht der liberalen Opposition zum Ausdruck.

Die Wiederbelebung des Genres in Zeiten der moralischen Krise wäre also keine schlechte Idee. Aber natürlich ist die Häufung der Filmbiografien eher ein Produkt des Zufalls. Und viele haben eine jahrelange Produktionsgeschichte hinter sich: 15 Jahre brauchte „Ray“ bis zur Realisierung, 17 Jahre waren es bei „Beyond the Sea“. Aber der Zufall gehorcht der Gunst der Stunde: Als hätten wir auf sie gewartet, auf große Filme über große Menschen mit großen Schauspielern.

Kevin Spacey als Bobby Darin in „Beyond the Sea“, Leonardo DiCaprio als Howard Hughes in „The Aviator“, Liam Neeson als Sexualforscher „Kinsey“, Jamie Foxx als „Ray“ Charles, Gwyneth Paltrow als Sylvia Plath, aber auch Cate Blanchett als Katherine Hepburn in „The Aviator“: Sie alle versuchen nicht weniger, als die Schauspielerei neu zu erfinden. Ein gutes biopic zeigt, dass echte Schauspieler Spezialeffekten vorzuziehen sind – und dass zum Handwerkszeug die Hingabe gehört. Wir kommen also die doppelte Dosis der begehrten Droge Authentizität.

Was die aktuellen Filme von ihren Vorgängern unterscheidet: Statt auf die kunstsinnige Peripherie zielen sie auf die Mitte der amerikanischen Mythologie. Ein verlorenes Amerika, das Amerika der rebellischen Individualisten, der Visionäre scheint hier auf. Gegen die Lethargie, die die liberale Minderheit in die zweite Amtszeit von George W. Bush begleitet, werden Monumente des Eigensinns, Modelle der akzeptablen Abweichung gesetzt: neue Vorbilder jenseits des dumpfen Fundamentalismus. Besonders Howard Hughes und Ray Charles sind Protagonisten einer durch und durch amerikanischen Form der Dissidenz: Ein Außenseiter bringt Unruhe ins verfestigte System, nicht als programmatischer Neuerer, sondern als einer, der nicht anders kann. In diesen Menschen feiert Amerika seine Kraft zur Selbsterneuerung und kritisiert seine Stagnation.

Die neuen Helden treffen auch auf eine Sehnsucht nach Leidenschaft, die im Wahlsieg der Fahnenschwenker verschwunden ist. Biopics sind eine Trotzreaktion der liberalen Tradition, glauben sie doch an die Macht des Subjekts. Die Bilder suggerieren, dass dieses Subjekt der Geschichte nicht hilflos gegenüber steht – wenn auch verwundbar. Beide, Taylor Hackfords Ray Charles wie Martin Scorseses Howard Hughes sind Meister der Niederlage.Ein Black Prince des Sex’ und der Spiritualität und ein amerikanischer Ikarus kämpfen gegen die Bigotterie des Konsens an. Sie können nicht gewinnen. Aber sie sind verdammt schön in ihrem Kampf.

Die Herausforderung, die die Kinohelden ihrer Umwelt zumuten, leisten sie mit vollem körperlichem Einsatz. Letztlich ist den Biografien eine sexuelle Energie eingeschrieben, ein vitalistisches Aufbegehren, welches die maskierten oder virtualisierten Helden der Genrefilme nicht mehr haben. Sexualität als gestaltende, kreative Kraft, und nicht als obszöner Scherz, als „Sex in the City“. Wenn gar nichts zu gewinnen wäre in diesen Filmen, dann wenigstens die lust for life. Bei aller Annäherung an das reale Leben sind biopics natürlich auch Kostüm- und Ausstattungsstücke. Lauter Dinge sind in ihnen, die danach verlangen, angefasst zu werden, und bei Gott, die Helden fassen sie an. Aber dahinter steckt auch der Wunsch, die großen Bilder endlich in ihrer menschlichen Wahrheit zu sehen. Deswegen sind die Filme nicht nur größer und heftiger als ihre klassischen Vorbilder, sie sind auch Revisionen. Ray Charles, Howard Hughes und Cole Porter gibt es ja längst als Kinofiguren. Vielleicht wird hier auch so etwas wie ein vorsichtiger Eingriff in die amerikanische Ikonographie vorgenommen, hier und dort gibt es sogar Provokationen. Gegen die Lebensgeschichte von „Kinsey“ protestieren fundamentalistische Amerikaner schon vor dem Start.

Die Filme haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie lösen nach der Schönfärberei auch die Psychologisierung der modernen Biografie wieder auf. Sie haben weder Entlarvung noch Überhöhung im Sinn, sondern machen Leben und Werk wieder kongruent. Das Leben ist die Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln und umgekehrt. Damit ist eine alte Formel außer Kraft gesetzt, derzufolge der ungewöhnliche Mensch nicht in seinem Werk, sondern allenfalls als Mensch scheitern konnte. Die gesellschaftliche Aneignung des Werks war kein Problem, wie sehr dieser Mensch auch ausgegrenzt worden war. In dieser Tendenz arbeitete auch das Fernsehen weiter, das aus dem biopic eine Art aufgeblähte Soap Opera machte. Ob es sich um General Custer, Kennedy und seine Gattin, Musiker oder Comedy-Stars handelt: Ihr Privatleben sah immer gleich aus.

Die neuen biopics verleihen der Verknüpfung von Leben und Werk wieder Seele und Zorn, gleichzeitig bleiben sie Mainstream-kompatibel. Für den Augenblick müssen sich der radikale Einzelne und die Gesellschaft nicht versöhnen. Das geht nicht ganz ohne Korruption ab. Hollywood, diese Maschine zur Reproduktion und Vernichtung des Außergewöhnlichen, verwischt die Widersprüche dann doch zu gerne. Und die Sehnsucht löst sich wieder in der Normalität auf.

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